Sie war einer der großen Stars des DDR-Fernsehens, nie auf den Mund gefallen – und noch heute erinnern sich viele gern an ihre Auftritte zurück: Helga Hahnemann! Eine Entertainerin mit Herz und Schnauze, die auch in „Ein Kessel Buntes“ auf der Bühne stand. Die Henne starb 1991 an den Folgen ihrer Lungenkrebs-Erkrankung. Vor 35 Jahren – drei Moante vor ihrem Tod – wurde sie im Westfernsehen interviewt. Das Gespräch mit der Moderatorin ist heute ein Zeitzeugnis. Und ein Beispiel dafür, wie im Westen nach der Wende mit den großen Stars aus dem Osten umgegangen wurde.
MDR erinnert an die großen Stars des Ostens
Am Samstagabend erinnert der MDR an die Unterhaltungs-Legenden der DDR: Wolfgang Lippert erzählt in „Ein Kessel der Legenden – Die Stars und ihre Shows“ (20.15 Uhr) von den Stars des Ostens. Schon der Name verrät: Auch Helga Hahnemann muss in der Sendung eine Rolle spielen, denn sie gehört nicht nur zu den großen Legenden der TV-Unterhaltung in der DDR, sondern stand auch oft in „Ein Kessel Buntes“ vor der Kamera. Nach der Wende wollte sie auch im Westen Karriere machen, doch schon kurz nach der Einheit verließ sie für immer die Bühne des Lebens.
Einer ihrer letzten Auftritte ist noch heute mit einem Video dokumentiert: Am 14. August 1991 saß Helga Hahnemann bei „Termin in Berlin“ bei SFB1 mit Fernsehjournalistin Christiane Jontza – vor ziemlich genau 35 Jahren. Ein Gespräch, das viele ratlos machen dürfte. Schon der Anfang: Helga Hahnemann sei in der DDR „wahrscheinlich genau so bekannt wie Kohl oder Honecker“. Bei der Begrüßung entgleitet Hahnemann dann nur ein „N’Tach“ und ein pikierter Gesichtsausdruck. „Die Vergleiche waren schon mal nich so jut“, stellt sie fest. Und das war erst der Anfang.

Im Gespräch geht es um ihr Leben als Unterhaltungskünstlerin in der DDR – und ihren Weg vor die Kamera. Etwa darum, wie sie eigentlich in ihren Beruf als Entertainerin im DDR-Fernsehen kam. „Die Show habe ich erst gekriegt, als die Bosse schon dachten, dass sie mit mir keine Miesen machen“, erklärt „Henne“. Sie sei durch Zufall und Glück in den Beruf gekommen. „Da war irgendjemand krank geworden und da haben sie gesagt: Wen haben wir denn hier noch als Berliner Type? Da ist ja die Hahnemann, bieten wir der mal die Rolle an.“
„Sie waren Unterhaltungskünstlerin ...“ - „Waren?“
Es ging um die Figur der Erna Mischke in „Maxe Baumann“. Es folgten viele Kunstfiguren, die sie sich ausdachte und auf die Bühne brachte, im Theater und im Fernsehen. „Es ist ja viel leichter, sich hinter Rollen zu verstecken, weil ich es als Helga gar nicht so sagen würde als Privatperson.“ Es geht um ihren Humor – und dann scheint die Stimmung zu kippen.
„Sie waren Unterhaltungskünstlerin, das bedeutet, dass …“ – „Waren?“, fragt Helga Hahnemann völlig entsetzt. „Sind, oh Gott“, versucht die Moderatorin, sich zu entschuldigen. Hahnemann habe auch ihre eigene Radiosendung. „Das stimmt doch noch, oder ist die schon gestrichen?“

Gemeint ist „Helgas Top(p)-Musike“. Die Sendung lief damals am Sonnabend um 8.30 Uhr im Berliner Rundfunk – alle 14 Tage. Hahnemann moderierte die Musikshow von 1978 bis wenige Wochen vor ihrem Tod im Herbst 1991. Zwischen 1980 und 1985 liefen auch mehrere Folgen der Sendung im DDR-Fernsehen – ins Leben gerufen wurde die TV-Variante von Heinz Quermann.
Helga Hahnemann: „Sieht man mir nicht an, oder wie?“
Die Moderatorin fragt ungläubig, ob es stimme, dass Helga Hahnemann beim Fernsehen fest angestellt war. „Der DFF hatte als einziger Fernsehsender der Welt ein Schauspiel-Ensemble. Das konnten wir uns leisten“, erklärt Hahnemann. Wieder fragt die Moderatorin nach, als könnte sie es nicht glauben: „Und da waren Sie als Schauspielerin angestellt?“ – „Ja, ich bin ja Schauspielerin“, sagt Hahnemann. „Ich bin Diplom-Mimin. Ich habe studiert, drei Jahre. Sieht man mir nicht an, oder wie?“
Dann wird die Sendung fast zum Verhör. „Wie lange waren Sie fest angestellt?“ 21 Jahre lang sei sie fest angestellt gewesen, sagt Hahnemann. Dann will die Moderatorin wissen, was Hahnemann verdiente. „Darf man das hier überhaupt sagen?“, fragt sie etwas irritiert. „Na, da bitte ich doch drum“, kommt als Antwort. 1500 Mark habe sie brutto bekommen. In den letzten Jahren seien es 2100 Mark gewesen.
„Sie wollen mir nicht erzählen, dass Sie davon leben mussten“, sagt die Moderatorin. Doch „Big Helga“ verrät, dass sie natürlich auch davon lebte, dass sie mit ihrer Musik abends durch die Lande zog oder im Friedrichstadt-Palast auftrat. „Davon konnte ich mir dann ein Haus kaufen. Also – indem ich unheimlich viel rumgefahren bin und gearbeitet habe.“

Warum ging der DDR-Star nicht in den Westen?
Auch um Privilegien geht es – und um die Frage, warum Hahnemann nicht in den Westen ging und ob sie in der DDR nicht eigentlich ein ziemlich bequemes Leben hatte. „Das ist Ihre Sicht“, sagt sie. Auch sie hätte man für ihre Berliner Schnauze ja durchaus von der Bühne holen können, deutet sie an. „Aber vielleicht hat mich die Popularität davor geschützt. Ich habe mir meine Dinger geleistet, ich hätte ja auch kuschen können.“ Nach knapp 15 Minuten ist die Sendung beendet. Was bleibt, ist vor allem ein Satz, den Helga Hahnemann am Ende prägt – und der gut passt: „Es gibt überall dufte Typen und Eierköppe.“






