Es gibt Legenden aus der DDR, die einfach jeder kannte, der im Osten aufwuchs. Doch so absurd es ist: Während das Gesicht der Person jeder im Gedächtnis verankert hat, weiß einfach niemand ihren Namen. So ist es auch bei der Kult-Figur, die wir Ihnen heute in Erinnerung rufen. Erinnern Sie sich an die Märchen-Oma, die am Anfang russischer Märchenfilme immer ihre Fensterläden öffnete, um ihre Geschichte zu erzählen? Bei vielen Leserinnen und Lesern kommen genau jetzt Kindheitserinnerungen hoch. Denn wer im Osten aufwuchs, kennt diese alte Dame! Aber wer war die Frau, die uns alle in „Abenteuer im Zauberwald“ und „Der Hirsch mit dem goldenen Geweih“ verzauberte?
DDR-Star: Diese Oma öffnete das Fenster zur Märchenwelt
Kaum ein Gesicht ist so vielen DDR-Kindern vertraut – und trotzdem kennt kaum jemand den Namen dazu. Wer in den 60er, 70er und 80er Jahren die sowjetischen Märchenfilme im DDR-Fernsehen verfolgte, dem dürfte eine ältere Dame mit bunt verzierten Fensterläden ein Begriff sein. Sie eröffnete die Geschichten, sie beendete sie – und blieb dabei fast immer namenlos im Gedächtnis der Zuschauer. Das ändern wir nun: Ihr Name war Anastassija Platonowna Sujewa. Und sie war ohne Frage einer der bekanntesten Märchen-Stars des Ostens!
Eine freundliche alte Frau, die aus einem geschmückten Fenster heraus den Anfang des jeweiligen Märchens erzählte. „Es waren einmal vor langer, langer Zeit ein alter Mann und eine böse, alte Frau, die hatten zwei Töchter“, berichtete sie am Anfang von „Abenteuer im Zauberwald“, dem berühmten russischen Märchenfilm, in dem auch Väterchen Frost und die Hexe Baba Jaga ihre großen Auftritte hatten. „Nastjenka, die Tochter des Alten und Marfuschka, die faule Tochter der bösen Alten.“ Sofort waren die großen und kleinen Zuschauer der Märchenfilme mittendrin in der Geschichte.

Die Märchen-Oma des Ostens: Sie zog die Zuschauer direkt in den Film, der danach zu sehen war. Am Ende der Filme war es ebenfalls sie, die noch einmal das Wort ergriff, bevor sie die Fensterläden wieder schloss und die Märchenstunde beendete – ein Bild, das sich bei vielen Zuschauern bis heute eingeprägt hat.
Märchen-Oma der DDR: Vom Dorf auf die große Bühne
Aber: Wer war die Frau, deren Gesicht untrennbar mit so vielen Kindheitserinnerungen an die schönen Märchenfilme verbunden ist? Geboren wurde Anastassija Platonowna Sujewa im Dezember 1896 im russischen Dorf Spasskoje, in eine wohlhabende Bauernfamilie hinein. Beim genauen Geburtsdatum gehen die Quellen bis heute auseinander: Mal ist vom 5., mal vom 17. Dezember die Rede, gelegentlich taucht sogar 1894 als Geburtsjahr auf. Familienangehörige sowie ihr späterer Grabstein nennen jedoch übereinstimmend 1896.
Für Anastassija Platonowna Sujewa stand schon in der Schulzeit fest, dass sie unbedingt Schauspielerin werden wollte. Nach ihrer Ausbildung an einer Moskauer Schauspielschule schloss sie sich 1916 dem Ensemble des 2. Studios des Moskauer Künstlertheaters an. Acht Jahre später wechselte sie ans Moskauer Gorki-Theater und stand fortan regelmäßig auf verschiedenen Bühnen. Ihr Leinwanddebüt gab sie 1932 im Film „Просперити“ (deutsch: „Wohlstand“).
Aus einer Nebenrolle wurde eine Legende des Ostens
Den Ruhm bei jungen Zuschauern in der DDR verdankt Sujewa vor allem ihrer Zusammenarbeit mit Regisseur Alexander Rou, der mehrere bekannte russische Märchenfilme drehte. Dazu gehörten unter anderem „Feuer, Wasser und Posaunen“, „Die schöne Warwara“ und „Der Hirsch mit dem goldenen Geweih“. 1964 übernahm sie in „Abenteuer im Zauberwald“ erstmals die Rolle der Märchen-Erzählerin und legte damit den Grundstein für ihre bis heute bekannteste Figur.

Es folgten weitere Filme aus derselben Reihe. Auch dort begrüßte sie ihr Publikum mit geöffneten Fensterläden. 1982 stand sie außerdem im Film „Abenteuer mit Tarnkappe“ von Regisseur Michail Jusowski ein letztes Mal in dieser Rolle vor der Kamera, bevor sie sich endgültig von ihrem Publikum verabschiedete.
Anastassija Platonowna Sujewa starb am 23. März 1986 im Alter von 92 Jahren in Moskau. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem berühmten Nowodewitschi-Friedhof der russischen Hauptstadt – demselben Friedhof, auf dem zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten Russlands begraben liegen.

Warum sie bis heute im Herzen vieler DDR-Kinder lebt
Auch Jahrzehnte später ist die Erinnerung an die Märchen-Oma ungebrochen. Auf Videoplattformen im Internet, wo sich Klassiker wie „Abenteuer im Zauberwald“ nach wie vor in voller Länge finden lassen, tauschen sich ehemalige DDR-Kinder bis heute über ihre Kindheitserinnerungen an die Filme aus.
Manche schreiben, dass sie den Film als Kind unzählige Male gesehen hätten und ihn selbst im Erwachsenenalter noch für einen der schönsten ihres Lebens halten. Andere erinnern sich an gemeinsame Fernsehabende vor dem DDR-Fernsehen und schwärmen bis heute von der besonderen Qualität der sowjetischen und tschechischen Märchenfilme jener Zeit.



