Kolumne „Wir von hier“

Eine Geschichte von zwei Berlins

Unsere Autorin ist von der Bahn aufs Fahrrad umgestiegen und hat ein ganz anderes Berlin kennengelernt.

Author - Jana Hollstein
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Morgens die ersten Sonnenstrahlen mitbekommen geht mit der U-Bahn nicht so gut.
Morgens die ersten Sonnenstrahlen mitbekommen geht mit der U-Bahn nicht so gut.blickwinkel/imago

Man muss ja immer aufpassen, was man in der Gegenwart einer Kolumnistin sagt, sonst macht die da gleich eine einseitige Kolumne draus. Beweisstück A. Ich stehe an einer Ampel am Alexanderplatz, bekomme Gesprächsfetzen mit. Neben mir stehen zwei Frauen, tief in ein Gespräch vertieft. „Es gibt ja eigentlich zwei Berlins“, sagt die eine. „Das mit dem Fahrrad und das mit der Bahn.“ Die Ampel schaltet auf Grün. Den Rest des Gesprächs verliere ich im Feierabendtrubel.

Ich steige in meine Bahn nach Hause, aber der Gedanke bleibt hängen. Als ich noch in Freiburg gewohnt habe, bin ich eigentlich überall mit dem Fahrrad hingefahren – ich war schließlich in der fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands. Aber in Berlin hatte ich da immer Respekt vor. Zu viele gestresste Fußgänger, zu unübersichtlich die Straßen.

Berlin vom Fahrrad aus gesehen

Aber neugierig bin ich schon. Laut Internet ist mein Arbeitsweg mit dem Fahrrad und mit der Bahn ungefähr gleich lang, also gibt es eigentlich keinen Grund, es nicht mal auszuprobieren.

Mein Arbeitsweg auf dem Fahrrad ist schön, eigentlich eine richtige Touri-Strecke. Mit der Bahn sehe ich nur graue Bahnhöfe und Baustellen, aber an diesem Spätsommermorgen fahre ich mit dem Fahrrad an grünen Bäumen und kleinen Läden vorbei. Die Hälfte meines Arbeitswegs fahre ich über die Karl-Marx-Allee, was fast genauso anstrengend ist, wie ich befürchtet hatte, aber auch irgendwie spannend.

In der Zeit, in der ich sonst in der vollen Bahn um einen Sitzplatz gekämpft hätte, nur um dann eine dürftige Aussicht mitzubekommen, habe ich jetzt auf dem Fahrrad eine kleine Tour durch meinen Kiez gemacht und noch ein bisschen was vom Spätsommer mitbekommen.

Mit Berlinern auf Tuchfühlung in der U8.
Mit Berlinern auf Tuchfühlung in der U8.Wolfgang Maria Weber/imago

Wo man den Berliner kennenlernt

Es hat mich daran erinnert, wie mich meine Eltern einmal besucht haben, als die BVG gerade gestreikt hat. Sie sind den ganzen Tag zu Fuß durch Berlin gelaufen, und als wir uns am Abend wiedergetroffen haben, waren sie quasi schon dabei, ihren Umzug hierher zu planen. Der Plan kam am nächsten Tag jäh zum Stillstand, als die Bahnen und Busse wieder fuhren.

So dreckig seien die Bahnen, komplett überfüllt. Und was für Leute da teilweise mitfahren! Sicher fühlten die beiden sich da überhaupt nicht. Das war sinngemäß das, was mir am nächsten Abend schockiert erzählt wurde. Mir fällt das ja ehrlich gesagt schon gar nicht mehr auf. Natürlich hat man in der Bahn mal die eine oder andere kuriose Begegnung – aber das ist ja irgendwie auch der Charme.

Das finde ich übrigens immer noch. Ich fahre gerne mit der Bahn. Nirgendwo sonst bekommt man so viel von Berlinern als Menschen mit. Auch Sachen, die man nicht unbedingt mitbekommen wollte. Aber sonst wären wir ja nicht in Berlin.

Die zwei Berlins – öfter mal was Neues

Ich muss der Unbekannten an der Ampel recht geben. Berlin zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist ganz anders als Berlin mit der Bahn. Vor allem U-Bahnen sind ja sehr pragmatisch. An einem Ort steigt man ein und an einem ganz anderen wieder aus und muss nicht mal wirklich wissen, wo die Bahn überhaupt langfährt. Ans Ziel kommt man so oder so. Mit dem Fahrrad muss man sich die Strecke erarbeiten und erlebt mit, wie der eine Kiez in den anderen übergeht.

Das kann man natürlich nicht überall machen. Berlin ist riesig und nicht überall fußgänger- oder fahrradfreundlich. Mich würde wahrscheinlich nichts dazu bringen, gemütlich über den Potsdamer Platz zu schlendern oder mit dem Fahrrad ans andere Ende der Stadt zu fahren.

Aber wer meint, die Stadt sattzuhaben, dem kann ich nur empfehlen, für die altbekannten Wege mal ein anderes Fortbewegungsmittel zu nehmen – und das andere Berlin zu entdecken.

Jana Hollstein schreibt diese Woche im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt zur Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com