Laubenpieper in Pankow

Kleingartenanlagen in Pankow: Paradieschen bedroht

In der einen Kleingartenanlage wird an diesem Wochenende gefeiert, in der anderen wird gezittert. Um das Fortbestehen.

Author - Stefanie Hildebrandt
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In der Kleingartenanlage „Am Schlosspark 1“ in Pankow gibt es am Wochenende trotz aller Sorgen ein großes Fest. Florian Marczuk (40) dekoriert den Hauptweg mit Girlanden.
In der Kleingartenanlage „Am Schlosspark 1“ in Pankow gibt es am Wochenende trotz aller Sorgen ein großes Fest. Florian Marczuk (40) dekoriert den Hauptweg mit Girlanden.Sabine Gudath

Kleingartenanlagen sind wichtige grüne Oasen für die Stadt. Deren Flächen aber auch Begehrlichkeiten wecken. Wie   in Pankow. Wir haben uns vor Ort umgesehen.

Die bunten Wimpelketten entlang des Wegs und die Hagebutten an den Rosen wippen um die Wette. In der Kleingartenanlage „Am Schlosspark 1“ wuseln die Gartenfreunde, es summt vor Bienen und vor Vorfreude. Inmitten der größten Unsicherheit um das Bestehen der Pankower Kleingärten, inmitten von harten Auseinandersetzungen um Bauland in der wachsenden Stadt, haben sich die Gärtner zusammengetan und ein Fest auf die Beine gestellt.

111 Jahre Kleingartenanlage „Am Schlosspark 1“

Am Samstag ab 14 Uhr wollen sie allen zeigen, was das hier für ein Schatz ist. Inmitten von Häusermeeren sind Kleingartenanlagen wie diese, die vor 111 Jahren – damals noch im Land Barnim – entstand, schützenswerte Inseln. Es sind bedrohte Paradieschen.

René Marczuk und sein Sohn Florian müssen kurz nachrechnen. Seit fünf Generationen sind sie hier im Kiez Kleingärtner. Der Opa bewirtschaftete eine Parzelle, damals noch auf dem Gelände des heutigen Sommerbads  Pankow. „Wenn Ihnen dort auf den Wiesen eine Birne auf den Kopf fällt, wissen Sie jetzt warum“, sagt René Marczuk. Bis zur Eröffnung des Bades 1960 erstreckte sich die Kleingartenalge über die heutige gesamte Fläche des Bades. Eine wunderschön blühende Tulpenwiese am hinteren Ende des Freibad-Areals zeugt davon, dass Natur ausdauernd ist.  

René Marczuk (66) und seine Familie sind seit fünf Generationen hier auf der Pankower Anlage Gärtner. Sie haben Wurzeln geschlagen. 
René Marczuk (66) und seine Familie sind seit fünf Generationen hier auf der Pankower Anlage Gärtner. Sie haben Wurzeln geschlagen. Sabine Gudath

Sie zeugt auch davon, dass Kleingärten wie diese schon immer Wandlungen unterworfen waren. Wächst die Stadt, müssen sie oftmals weichen oder umziehen. Aktuell ist eine fast ebenso alte Kleingartenanlage in Pankow, die Laubenkolonie „Alte Baumschule“ konkret bedroht. Hier hat der Veruntreuungsskandal um den Bezirksverband in Pankow die Eigentümer auf den Plan gerufen. Sie wittern Morgenluft, weil Pachten nicht ordnungsgemäß weitergeleitet wurden. Im Juni löste der Eigentümer der „Alten Baumschule“, die Immobilienfirma Spree Bridge, die Zwischenmietverhältnisse beim insolventen Bezirksverband der Gartenfreunde auf. Jetzt klagt Spree Bridge direkt gegen die Kolonie.

Klage gegen Kleingartenanlage „Alte Baumschule“ in Pankow

Für die Kleingärtner in Pankow läuft ein Insolvenzverfahren, die Anlage an der „Alten Baumschule“ hatte das Pech, dass die Kündigungen schon vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens kamen. „Bisher mussten wir noch keine zweite Pacht zahlen“, sagt René Marczuk am Schlosspark. Dennoch fühle man sich seit Jahren ständig in einer Art Habacht-Stellung.

Für frei werdende Gärten gibt es hier wie überall in den Anlagen lange Listen mit Interessenten. „Aber was sollen wir denen sagen, gibt es uns in zwei Jahren noch?“ Dass es keine verlässlichen Aussagen über die Zukunft gibt, macht sich ab und zu auch an den Lauben und Gärten bemerkbar. Wer investiert schon, wenn er nicht weiß, wie es weitergeht?

Pankow: Wie schützt man Kleingärten auf privaten Grundstücken?

Besonders Kleingartenanlagen, die Privaten gehören – Pankow hat davon den größten Anteil berlinweit-  müssen sich auf den Schutz verlassen, den die Auszeichnung ihrer Flächen als Grünfläche und Kleingartenland in den Flächennutzungsplänen bedeutet. Auch im Fall der Anlage „Alte Baumschule“ hofft der Grünen-Stadtrat Cornelius Bechtler, dass dieses Tatsache Investoren davon abhält, anderweitige Nutzungen anzustreben. Eine mögliche Wohnbebauung auf der Anlagenfläche sei selbst bei einer kompletten Kündigung durch den Investor unmöglich und nicht genehmigungsfähig, so das Argument gegen einen Bebauungsplan wie ihn etwa die SPD im Bezirk zur Sicherung der Anlage fordert.

Aber selbst die Umwidmung in Wochenendgrundstücke brächte schon mehr Ertrag für den Investor. Alles hängt an der Gemeinnützigkeit, die die Berliner Kleingartenanlagen für sich beanspruchen. „Wenn der angeschlagene Pankower Bezirksverband die Anerkennung der Gemeinnützigkeit verliert, dann stehen alle Anlagen auf dem Spiel“, fürchtet Rike Eckermann  aus der Kleingartenanlage am Schloßpark. .

Das Haus von Schauspielerin Rike Eckermann (59) von 1912 ist das älteste der Anlage in Pankow.
Das Haus von Schauspielerin Rike Eckermann (59) von 1912 ist das älteste der Anlage in Pankow.Sabine Gudath

Im Garten der 59-Jährigen steht noch eine alte Laube aus den Anfangszeiten der Kolonie. Gebaut 1912, einfache Holzbalken, Sprossenfenster durch die die Rudbeckien ihre gelben Köpfe tanzen lassen. In der DDR hat man ein blau-weißes Denkmalschutzzeichen an den Türpfosten gehängt.

Hier, wo die Stadt ganz weit weg ist und es doch nur ein paar Schritte bis zur Tram sind und 20 Minuten mit dem Rad bis zur Schönhauser Allee wird am Samstagnachmittag eine schottisch-irische Band spielen. Man kann dann unter einem Apfelbaum mit Boskoop-Äpfeln sitzen, der schon den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Nebenan können Kinder Vogelhäuschen bemalen oder bei René Marczuk Kräuter schnuppern. Es gibt wilde Gärten und akkurate Gärten zu besichtigen. Einen davon beackert eine alte Dame, die zwischen den blühenden Beeten oft mit dem Rollator unterwegs ist. Man fragt sich, warum Kleingartenanlagen nicht längst als Reha- oder Präventionsmaßnahme subventioniert sind.

Noch ein paar sonnige Tage mit Blumen vor der Laube genießen. Manche ziehen im Mai raus in den Garten und im Oktober erst wieder zurück in die Wohnung. 
Noch ein paar sonnige Tage mit Blumen vor der Laube genießen. Manche ziehen im Mai raus in den Garten und im Oktober erst wieder zurück in die Wohnung. Sabine Gudath

Schützt die Arbeit im Garten doch vor Herzinfarkt genauso wie die grünen Oasen vor dem Hitzekollaps der Stadt. „Wir feiern uns, die kleine grüne, bunte Lunge in Pankow“, sagt Rike Eckermann. „Alle hier wissen, es geht um was.“ Es geht um Zusammenhalt, eine Nachbarschaft, die mit Obst und Gemüse zum Mitnehmen versorgt wird, um Gemeinschaft und um das Klima. Das gesellschaftliche und das ökologische. Wie in einer anderen Welt sei das hier, wenn die Jungen den Alten helfen, man sich kennt und begegnet, sagt Florian Marczuk. Wie in einer besseren Welt.

Für die Kolonie „Alte Baumschule“ dringt die SPD nun darauf, doch noch einen Bebauungsplan aufzustellen. „Der Bebauungsplan ist die einzige Möglichkeit, diese grüne Oase auf Privatgrund der wirtschaftlichen Verwertung zu entziehen“, schreiben die beiden Kreisvorsitzenden in einem Brief. Diese Chance nicht zu nutzen sei „fahrlässig“.  Doch das notorisch überlastete Stadtentwicklungsamt in Pankow ist schon jetzt überfordert. Ein fatales Signal, wenn Politik wegen Personalmangels an die Grenzen zur Handlungsunfähigkeit kommt.

Rike Eckermann (59), René (66) und Florian (40) Marzcuk. 
Rike Eckermann (59), René (66) und Florian (40) Marzcuk. Sabine Gudath

In den letzten 111 Jahren haben die unterschiedlichsten Menschen auf diesem Stück Erde gegraben, gesät, geerntet. Gelacht, geschimpft und manchmal sicher auch geweint. Was man dazu beitragen könne, dieses Fleckchen Natur auch für die Zukunft zu bewahren, wolle man tun – da sind sich die Kleingärtner einig.

Fest zum 111-jährigen Bestehen in der Kleingartenanlage „Am Schlosspark 1“, mit Grill, Kuchen, Tombola und Musik in der Wolfshagener Straße 129, 13187 Berlin. Samstag, 23.9., von 14 bis 18 Uhr. Eintritt 1 Euro für Tombola-Los, Spenden sind willkommen.