
Welche mitunter skurrilen Blüten der Berliner Wohn-Wahnsinn treibt, malt man sich nicht aus, wenn man nicht live dabei ist. Angesichts fehlender Wohnungen, besonders im mittleren und unteren Preissegment, greifen die Berliner und solche, die es werden wollen, manchmal tief in die Trickkiste.
Da ist zum Beispiel die vierköpfige Familie, die seit Jahren in Pankow eine Wohnung sucht, in der beide Kinder jeweils ein eigenes Kinderzimmer haben könnten. Weil sie nicht bereit und in der Lage sind, jeden Monat über 2000 Euro dafür zu zahlen, haben sie es sich bisher in der Dreiraumwohnung kuschelig gemacht. Es ist ein Grund zum Feiern, dass der Nachbar in der Einraumwohnung endlich auszieht und der Eigentümer einem Wanddurchbruch von der zu kleinen Familienwohnung hinüber zur Singlewohnung zustimmt. Ein Wohnungsproblem von Tausenden in der Stadt ist gelöst.
Andere bleiben. Ebenfalls in Pankow hängen seit einigen Tagen Zettel aus: Es wird eine 30 Quadratmeter große Garage angeboten. Für 139.000 Euro gäbe es zwei Stellplätze für Autos. Ich kenne Menschen, die ernsthaft recherchierten, ob man nicht auch in einer Garage wohnen kann. So groß ist die Verzweiflung. Jemand hat auf einen der Zettel „Rich kids?“ geschrieben. Und die sind in der Tat besser dran als Normalverdiener.
„Die Situation am Mietwohnungsmarkt in Berlin bleibt dabei auch 2023 schwierig“, heißt es im am Freitag veröffentlichten Wohnungsmarktbarometer 2023 der IBB. Insbesondere die mittleren, unteren und mietpreisgebundenen Segmente verzeichneten deutliche Angebotsdefizite. Demgegenüber entwickelte sich das obere Preissegment in eine positive Richtung und wies erstmalig ein nahezu ausgewogenes Angebot-und-Nachfrage-Verhältnis auf.
In Berlin fehlt weiter bezahlbarer Wohnraum
Im mittleren und unteren Preissegment der Mietwohnungen, wo Kaltmieten unter 15 Euro und unter 9 Euro je Quadratmeter verlangt werden, sind laut Wohnungsbarometer „weiterhin deutliche Angebotsdefizite“ zu erkennen. Das gilt auch für Wohnungen im sogenannten preisgebundenen Segment, zu denen die Sozialwohnungen gezählt werden.
Ohne Vitamin B geht in Berlin sowieso wenig. In Anbetracht der Tatsache, dass immer weniger freie Wohnungen über öffentlich zugängliche Kanäle angeboten werden, wurden die Experten für das IBB-Barometer danach gefragt, welche Vermietungswege aktuell in Berlin von Relevanz sind.
Rund 63 Prozent der Befragten geben dazu an, dass Wohnungen heute über private Kontakte vermietet werden. Ich kenne Menschen, die auf Listen für Wohnungen stehen, in denen sehr alte Menschen leben. Man wartet quasi darauf, dass eine Wohnung frei wird, weil der Vormieter stirbt. Auch ist es gängig, den Enkel schon mal bei der Oma einzuquartieren, damit er dann während des Studiums mit im Mietvertrag steht. Die Studenten-WG kann vielleicht mit dem auf fünf Jahre befristeten Mietvertrag leben, bevor der Eigentümer die Wohnung selber beansprucht, für alle anderen ohne alte Verträge oder ein Erbe im Hintergrund ist es schwer, passenden Wohnraum zu finden.

„Der weiter voranschreitende Klimawandel und der demografische Wandel werden das Bild des Berliner Wohnungsmarktes in den kommenden Jahren nachhaltig verändern“, sagt Hinrich Holm, Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin. Damit träfen die großen Herausforderungen unserer Zeit auf den ohnehin angespannten Berliner Wohnungsmarkt. Umso wichtiger sei es, Themen wie Energie und zum Beispiel barrierearmen Neubau integriert zu bearbeiten, um eine nachhaltige Wende für Berlin zu schaffen.



