Chaos in Spanien

60.000 Migranten, 34 Tote an EU-Außengrenze: Was wir bisher über den Flüchtlingssturm auf Ceuta wissen

In 24 Stunden erreichen Zehntausende Migranten die spanische Exklave Ceuta. Die Stadt ist überfordert, Europa alarmiert. Die wichtigsten Antworten zur Krise.

Author - Stefan Henseke
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Migranten überqueren jubelnd die Grenze von Marokko in die spanische Enklave Ceuta.
Migranten überqueren jubelnd die Grenze von Marokko in die spanische Enklave Ceuta.Antonio Sempere/AP/dpa

Die Lage an Europas Südgrenze spitzt sich zu: Zehntausende Migranten haben in der Nacht auf Freitag die Grenze von Marokko zur spanischen Exklave Ceuta überwunden. Mindestens 34 Menschen starben dabei. Der neuer Migrationsdruck an Europas Außengrenzen sorgt für Alarm: Was bisher über den Vorfall und seine Folgen für die EU bekannt ist.

Flüchtlingssturm: Wo liegt die Exklave Ceuta?

Ceuta und Melilla sind die beiden spanischen Exklaven in Nordafrika und zugleich die einzigen Landgrenzen zwischen der EU und dem afrikanischen Kontinent. Ceuta (gut 18 Quadratkilometer groß) ist komplett von Marokko und dem Mittelmeer umgeben und liegt rund 29 Kilometer vom spanischen Festland entfernt, direkt gegenüber von Gibraltar.

Von dort versuchen immer wieder Menschen, nach Europa zu fliehen. Marokko gilt für viele Migranten als wichtiges Transitland auf dem Weg in die Europäische Union. Die Migration über Ceuta und Melilla sorgt seit Jahren für politische Spannungen zwischen Spanien und Marokko.

Wann begann der Sturm auf Ceuta?

Schon am Donnerstagmorgen gab es erste Berichte. Nach Gerüchten über die Öffnung der Grenze zu der spanischen Exklave Ceuta strömten  hunderte Menschen in die benachbarte marokkanische Stadt Fnidek.  Fahrzeuge voller junger Menschen drängten sich auf der Straße etwa 15 Kilometer von Fnidek entfernt, wie ein AFP-Journalist beobachtete. Andere waren demnach in Gruppen zu Fuß unterwegs.

Spanische Polizeibeamte griffen kaum ein, als Migranten von Marokko die Grenze in die spanische Exklave Ceuta überquerten.
Spanische Polizeibeamte griffen kaum ein, als Migranten von Marokko die Grenze in die spanische Exklave Ceuta überquerten.Antonio Sempere/AP/dpa

Mehrere Menschen gaben gegenüber AFP Ceuta als Ziel an. Ein junger Mann mit Rucksack sagte, er sei zu Fuß aus dem 70 Kilometer entfernten Tanger angereist, nachdem er gehört habe, „dass die Grenze am Grenzübergang Bab Sebta geöffnet worden“ sei.

Wie viele Flüchtlinge haben es bis nach Ceuta geschafft?

Nach einer ersten Schätzung des spanischen Innenministeriums am Freitagmorgen gelangten innerhalb von nur 24 Stunden rund 49.000 Menschen über Land und Wasser nach Ceuta. Später wurde die Zahl auf über 60.000 korrigiert. Unhaltbare Zustände für die spanische Exklave gelangt, die nur rund 85.000 Einwohner hat.

Ausgelassene Migranten waren am Donnerstag durch die Straßen von Ceuta gelaufen und hatten der spanischen Polizei gedankt. Manche riefen: „Auf Wiedersehen Marokko, hallo Spanien!“ Viele Menschen verbrachten die Nacht auf Straßen, Plätzen und in Parks der spanischen Exklave. Gleichzeitig überquerten weitere Gruppen aus Marokko die Grenze nach Ceuta.

Wie viele Menschen sind beim Sturm auf Ceuta gestorben?

Besonders beim Versuch, Ceuta über das Wasser zu erreichen, sterben immer mehr Flüchtlinge. Die Zahl der Todesopfer stieg in der Nacht weiter an. Die spanische Regierungsvertretung in Ceuta hatte zunächst mindestens neun Tote bestätigt. Am Freitagmorgen berichtete El País dann von mindestens 19 Todesopfern.

Am Nachmittag wurden die offiziellen Zahlen nach oben korrigiert. Mindestens 34 Migranten sollen jetzt bei dem Versuch, in die EU zu gelangen, ums Leben gekommen sein. Das erklärte Regionalpräsident Juan Jesús Vivas.

Viele Flüchtlinge kamen über das Wasser und kletterten dann die Felsen hoch. Mindestens 19 Migranten starben beim Versuch, Ceuta zu erreichen.
Viele Flüchtlinge kamen über das Wasser und kletterten dann die Felsen hoch. Mindestens 19 Migranten starben beim Versuch, Ceuta zu erreichen.Antonio Sempere/AP/dpa

Nach Informationen des Blattes barg die spanische Guardia Civil mehrere Leichen aus dem Meer. Die Menschen sollen ertrunken sein, als sie versuchten, die spanische Exklave schwimmend von der marokkanischen Küste aus zu erreichen.

Bilder aus der Grenzregion zeigten Menschen, die sich an Schwimmreifen festklammerten oder dicht gedrängt um den Grenzwellenbrecher vor Ceuta schwammen. Andere versuchten, die Sperranlagen zu umgehen, indem sie im flachen Wasser an der Küste entlangliefen. Wieder andere gelangten durch ein geöffnetes Seitentor auf spanisches Gebiet.

Was passiert mit den Flüchtlingen in Ceuta?

Tausende Migranten verbrachten die Nacht unter freiem Himmel in Ceuta. Während der Zustrom aus Marokko anhielt, stießen die Aufnahmekapazitäten der spanischen Exklave zunehmend an ihre Grenzen. Viele Menschen übernachteten auf Straßen, Plätzen und in Parks.

Die Unterkünfte der Stadt gelten bereits als überlastet. Trotz der angespannten Lage überquerten weiterhin zahlreiche Menschen die Grenze von Marokko nach Ceuta, wodurch sich die Situation vor Ort weiter verschärfte.

Hunderte Migranten, die die Grenze zwischen Ceuta und Marokko überquert haben, verbringen die Nacht auf der Straße.
Hunderte Migranten, die die Grenze zwischen Ceuta und Marokko überquert haben, verbringen die Nacht auf der Straße.Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa

Während weiterhin Menschen nach Ceuta gelangten, kehrten andere aber bereits wieder um – angesichts von fehlenden Schlafplätzen, fehlendem Essen. Das spanische Innenministerium teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, dass mehr als 25.000 Migranten von Freitagmorgen bis Freitagmittag bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt seien. Das seien „150 Menschen pro Minute“, fügte das Ministerium hinzu.

Dem Bericht zufolge nutzten sie denselben Grenzübergang, über den sie zuvor nach Ceuta gelangt waren. Soldaten begleiteten die Menschen dabei, um einen geordneten und sicheren Ablauf der Rückkehr zu gewährleisten.

Woher kommen die Flüchtlinge?

Überwiegend aus Marokko. Berichtet wird auch von einer kleineren Gruppe Algerier, die zuvor in Marokko gelebt hatten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters befanden sich unter den Migranten außerdem Menschen aus Ländern südlich der Sahara.

Wie ist die Lage in Ceuta?

Angesichts eines neuen starken Andrangs von Migranten rief der Regionalpräsident von Ceuta die Zentralregierung in Madrid dazu auf, aus „Gründen der nationalen Sicherheit“ den Notstand auszurufen und das Militär an der Grenze zwischen Marokko und Ceuta einzusetzen.

Polizei und Guardia Civil schritten Berichten zufolge zunächst nur vereinzelt ein und ließen die Flüchtlinge passieren.

Wie reagiert Spaniens Regierung?

Angesichts der angespannten Lage entsandte die spanische Regierung zusätzliche Truppen in die Exklave Ceuta, um die Sicherheitskräfte vor Ort zu unterstützen.

Zunächst wurden 60 Soldaten sowie rund 200 weitere Polizisten vom spanischen Festland nach Ceuta entsandt. Gemeinsam mit den bereits dauerhaft in der Exklave stationierten Einheiten sollen sie die Grenzsicherung unterstützen und für Ordnung in der Stadt sorgen.

Laut El País standen am Freitagmorgen rund 30 Militärfahrzeuge am Grenzübergang Tarajal bereit. Die Behörden versuchten dort, die Lage unter Kontrolle zu bringen und weitere Grenzübertritte zu verhindern.

Pedro Sánchez, spanischer Ministerpräsident, besucht heute Ceuta.
Pedro Sánchez, spanischer Ministerpräsident, besucht heute Ceuta.Eduardo Parra/EUROPA PRESS/dpa

Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez wertet die Ereignisse am Freitag als „Angriff“ auf das spanische Staatsgebiet. Bei einem Besuch der spanischen Exklave führte er den plötzlichen Ansturm von Migraten auf Gerüchte zurück, die von der „Schleusermafia“ infolge eines aktuellen Gerichtsurteils in Spanien zur Einwanderung verbreitet worden seien.

Dieses Gerücht habe sich „in den letzten Stunden wie ein Lauffeuer verbreitet“. Sánchez bezog sich auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, wonach die sofortige Rückführung von Migranten, die die Grenze illegal überqueren, nicht für die gilt, die auf dem Seeweg fliehen.

Welche Folgen hat die Flucht für die EU und Deutschland?

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnet den Ansturm im Onlinedienst X als „inakzeptabel“: „Wir können es niemandem erlauben, nach Europa zu kommen, ohne unsere Regeln zu befolgen.“ Schmugglernetzwerke müssten „zerschlagen“ werden, die Rückkehr müsse „rasch, wie von unseren Regeln vorgesehen“, erfolgen.

Die Entwicklungen in Ceuta werden auch in Deutschland mit Sorge verfolgt. Politiker warnen, dass viele der Migranten ihre Reise nach dem Grenzübertritt fortsetzen und über das spanische Festland sowie Frankreich nach Deutschland gelangen könnten, um dort Asyl zu beantragen.

Der stellvertretende Unionsfraktionschef Günter Krings (CDU) sagte zu BILD: „Gemeinsam müssen wir mit Spanien und anderen EU-Mitgliedstaaten jetzt dringend mit Marokko sprechen. Nur mit der Hilfe unseres südlichen Nachbarn können wir einen größeren Migranten-Ansturm auf Europa verhindern.“ Damit forderte Krings ein koordiniertes Vorgehen der EU-Staaten, um die Lage an der Außengrenze unter Kontrolle zu bringen.

Der stellvertretende Unionsfraktionschef Günter Krings (CDU) sieht eine Mitschuld Spaniens an der aktuellen Flüchtlingswelle.
Der stellvertretende Unionsfraktionschef Günter Krings (CDU) sieht eine Mitschuld Spaniens an der aktuellen Flüchtlingswelle.dts Nachrichtenagentur/imago

Krings schiebt in dem Interview auch der Regierung in Madrid Schuld zu: „Die Entscheidung der spanischen Regierung, 500.000 illegal eingereiste Afrikaner einzubürgern, hat die Probleme für das Land selbst und Europa offenbar weiter verstärkt. Sie wirkt als Anreiz für weitere Versuche, illegal die Grenzen zu überwinden.“

Der Bundespolizist und Polizeigewerkschafter Manuel Ostermann (CDU) fordert die Bundesregierung auf, die Bundespolizei auf einen möglichen neuen Migrationszustrom aus Spanien vorzubereiten. Zu den erforderlichen Maßnahmen gehöre aus seiner Sicht „eine robuste Sicherung der deutschen Grenzen mit Polizisten und mit modernster Technik“, sagte Ostermann BILD.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will an den Kontrollen an den deutschen Landesgrenzen festhalten. „Wir werden die Möglichkeit der Binnengrenzkontrollen über den September hinaus verlängern“, kündigt der CSU-Politiker an.

Wie reagiert das Ausland auf die Massenflucht?

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich angesichts der Bilder aus Ceuta alarmiert. Nach Beratungen mit den zuständigen Behörden erklärte sie auf der Plattform X, ihre Regierung sei bereit, „auch außergewöhnliche Maßnahmen“ zu ergreifen. Als mögliche Option nannte sie unter anderem eine Aussetzung des Schengen-Abkommens mit Spanien.

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni droht Spanien an, das Schengen-Abkommen mit dem Land auszusetzen.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni droht Spanien an, das Schengen-Abkommen mit dem Land auszusetzen.Kay Nietfeld/dpa

Auch Italiens Außenminister Antonio Tajani schlug scharfe Töne an. Die „irreguläre und unkontrollierte Einwanderung“ stelle aus seiner Sicht eine Gefahr für die nationale Sicherheit dar. Mit seinen Äußerungen erhöhte Rom den politischen Druck auf die spanische Regierung in Madrid, auf die Entwicklungen in Ceuta zu reagieren. SpanienDie Regierung bestellte den italienischen Botschafter ein.

Die spanische Regierung reagierte empört auf die Äußerungen aus Rom. Als diplomatische Reaktion bestellte das Außenministerium den italienischen Botschafter ein. Madrid wies die Kritik zurück und machte deutlich, dass die Migrationslage in Ceuta in enger Abstimmung mit den europäischen Partnern bewältigt werde.