Dreist am Fiskus vorbei

Autobande soll 80 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben

Auf der Anklagebank in Berlin sitzen sechs Männer und eine Frau. Mitangeklagt ist auch ein Notar. Es ging um Luxusschlitten vom Feinsten.

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Rechts mit der roten Mappe steht einer der Angeklagten in dem Prozess um Steuerhinterziehung.
Rechts mit der roten Mappe steht einer der Angeklagten in dem Prozess um Steuerhinterziehung.Pressefoto Wagner

Viel Schein brachte massiv Scheine: Eine Bande soll im Handel mit Luxuskarossen und Masken rund 80 Millionen Euro Umsatzsteuer hinterzogen haben.

Sechs Männer und eine Frau sitzen nun auf der Anklagebank. Sie kommen aus Deutschland, Kroatien, Griechenland und Polen. Es geht um einen Riesen-Betrug. Die mutmaßliche Bande soll ein europaweites Netzwerk von Scheinfirmen betrieben haben, um den Fiskus abzuzocken.

Anfang 2019 der Beginn. Marcin K. (42), Stipe S. (41), Sotirios I. (44) und ein gesondert verfolgter Mann aus dem Berliner Clan-Milieu sollen Betrugspläne geschmiedet, die Bande gegründet haben.

Mitangeklagt: der Kaufmann Roger R. (58) und der Notar Christian L. (67) – beide aus Berlin – sowie die Justin G. (32). R. sowie K., S. und I. müssen sich wegen bandenmäßiger Steuerhinterziehung verantworten. Dem Notar wird Falschbeurkundung vorgeworfen. Bei G. geht es um Beihilfe. Der mitangeklagten Ehefrau (31) von I. wird Geldwäsche zur Last gelegt.

Autobande handelte mit Lamborghinis, Ferraris & Co.

Handel mit Sportwagen vom Feinsten: Lamborghinis, Ferraris & Co. Luxuskarossen, die sich in „Karussellgeschäften“ immer wieder drehten. Mit Scheinfirmen, Strohmännern und Scheinrechnungen. Das Ziel: den Fiskus nach Strich und Faden über den Tisch zu ziehen. In Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien soll die Bande agiert haben.

Neben dem Handel mit Luxusschlitten baute sich die Gruppierung laut Anklage ein zweites „Standbein“ auf: Umsatzsteuer-Betrug im Handel mit medizinischen Masken. Und eine polnische Geldwechsel-Plattform, die von den Haupttätern kontrolliert worden sei, soll als Fassade für Geldwäsche-Transaktionen und die Aufteilung der Beute gedient haben.

Karussellgeschäfte – da werden möglichst hochpreisige Waren zwischen verschiedenen Scheinfirmen nur auf dem Papier hin- und herbewegt. Eingebundene Verkäufer führen die fällige Umsatzsteuer nicht ab – und die Firmen lösen sich dann schnell in Luft auf. Am anderen Ende der Kette lassen sich Komplizen vom Finanzamt die von Mittätern nicht gezahlte Steuer auszahlen. Strohmänner tauchen unter oder sind völlig ahnungslos, dass man ihre Personalien benutzt und sie als Firmen-Bosse eingesetzt hatte.

Ob sich die angeklagten Mitglieder der Autobande äußern werden, ist unklar

Jede Runde mit Gewinnen. Die Anklage geht davon aus: Drei der Angeklagten – K., I. und S. – sollen jeweils über 19 Millionen Euro kassiert haben, an R. seien rund 735.000 Euro geflossen. Weitere Summen seien an Mitangeklagte und Firmen gegangen.

In Berlin gab es den ersten Verdacht: Finanzbeamte prüften Zahlen einer Firma, die R. zugeordnet wird. Der Fall wurde der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA) vorgelegt. Denn die Behörde ist für die Ermittlung von Straftaten zum Nachteil der finanziellen Interessen der EU zuständig.

Razzien fanden am 12. Mai vorigen Jahres an mehreren Orten in ganz Deutschland statt. Satirios I. und Stipe S. wurden festgenommen, Bankkonten eingefroren, Immobilien beschlagnahmt.

Marcin K., der als Banden-Chef gilt, wurde im Januar in Österreich gefasst. Ob sich die Angeklagten äußern werden, blieb zunächst offen. 40 Prozesstage sind bis April 2024 geplant.