Berlins ältester Knast

125 Jahre JVA Tegel: „Die Männer schlafen mit dem Kopf neben dem Klo“

Die prominentesten Gefangenen, der spektakulärste Ausbrauch. Jetzt soll auf dem Gelände eine neue Haftanstalt gebaut werden

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Die JVA Tegel ist so groß wie ein kleiner Stadtteil, aber streng bewacht.
Die JVA Tegel ist so groß wie ein kleiner Stadtteil, aber streng bewacht.Jürgen Ritter

Der Hauptmann von Köpenick war hier inhaftiert, der RAF-Terrorist Andreas Baader und der Serienmörder Thomas Rung. Das Gefängnis Tegel gehört zu den ältesten und größten in Deutschland. Um an die 125-jährige Geschichte zu erinnern, ist für Freitag (6. Oktober) eine Veranstaltung mit Gästen aus Politik und Justiz geplant. In der Anstaltskirche wird dann auch Justizsenatorin Felor Badenberg (parteilos) erwartet.

Eröffnet wurde das Gefängnis 1898 als „Königliches Strafgefängnis Tegel“. Es folgten verschiedene Veränderungen des Namens bis hin zur heutigen Bezeichnung Justizvollzugsanstalt Tegel.

 Aus der Luft wirkt das rund 130.000 Quadratmeter große Areal fast wie ein eigener Stadtteil. Backsteingebäude, Werkhalle, Hochhäuser, auch eine Kirche fehlt nicht. Berlins ältestes und größtes Gefängnis im Bezirk Reinickendorf. Anfang Oktober 1898 kamen die ersten Häftlinge in das Königliche Strafgefängnis Tegel.

„Die Männer schlafen in der kaiserzeitlichen Teilanstalt II mit dem Kopf neben dem Klo“

Im Laufe der vergangenen 125 Jahre entstand eine der größten Justizvollzugsanstalten Deutschlands – die allerdings in die Jahre gekommen ist. „Es gibt Gebäude, die marode sind und einer Grundsanierung bedürfen. Das überlagert die Arbeit an vielen Stellen. Wir beschäftigen uns viel mit Mangel“, sagt Gefängnisleiter Martin Riemer. 

Der große Sanierungsstau stelle ein Problem dar, erklärte er. „Wir haben Gebäude aus der Kaiserzeit oder und den 1960er-Jahren, die unsaniert sind und konzeptionell nicht geeignet sind“, so der Anstaltsleiter. „Die Männer schlafen in der kaiserzeitlichen Teilanstalt II mit dem Kopf neben dem Klo“, schildert er bewusst plastisch.

Im alten Teil der JVA Tegel: eine Einzelzelle im Jahr 2001, nur 7,8 Quadratmeter groß.
Im alten Teil der JVA Tegel: eine Einzelzelle im Jahr 2001, nur 7,8 Quadratmeter groß.Götz Schieser

„2013, als ich Anstaltsleiter geworden bin, gab es für alle der damals 380 Gefangenen der Teilanstalt II noch eine große Sammeldusche“, erzählte der Anstaltsleiter gerade in der taz. „Wir konnten dann für jeweils 30 Insassen Stationsduschen einbauen. Seither kann man dort alleine, ohne Gewalt und Verletzung der Intimsphäre, duschen. Unverändert ist aber, dass die Teilanstalt II sehr kleine, 7,8 Quadratmeter große Hafträume hat.“

Baubeginn für das Gefängnis war 1896 – gut zwei Jahre später kamen die ersten Gefangenen. Im Jahr 1913 waren im Durchschnitt 1565 Menschen inhaftiert, Platz war nach Justizangaben für 1628. Zu den Gefangenen gehörte Friedrich Wilhelm Voigt, besser bekannt als Hauptmann von Köpenick. Er verbrachte zwei Jahre dort bis zu seiner Entlassung im August 1908.

Zelle mit Ausblick
Zelle mit AusblickGötz Schießer/imago

Von Mai bis Dezember 1932 war der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky in Tegel inhaftiert. Später saßen zahlreiche Gegner des Nationalsozialismus dort aus politischen oder religiösen Gründen ein, zu ihnen gehörte etwa der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der Priester Bernhard Lichtenberg und der Jurist und Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke. Ein Teil der Anstalt wurde als Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis genutzt. Viele Inhaftierte kamen aus Tegel direkt in die Hinrichtungsstätten in Plötzensee oder Brandenburg und wurden dort ermordet.

Die Toten Hosen rockten live in der JVA Tegel, vor 250 Häftlingen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Anstalt aufgelöst und alle Gefangenen wurden entlassen. Im Sommer 1945 übernahm zunächst die französische Besatzungsmacht das Gefängnis, nur wenig später konnte die deutsche Verwaltung das Gelände wieder als Haftanstalt nutzen.

Namhafte Gefangene gab es auch nach dem Krieg. Einer von ihnen war das spätere RAF-Mitglied Andreas Baader. Er saß hier bis zu seiner gewaltsamen Befreiung im Mai 1970 ein. Zu den Häftlingen zählten auch Ex-Kommunarde Dieter Kunzelmann, der Rapper und spätere IS-Kämpfer Deso Dogg und der Serienmörder Thomas Rung. Und 1989 gab es temporär prominente Gäste: Die Toten  Hosen rockten live in der JVA, vor 250 Häftlingen.

Die Toten Hosen haben mehrmals vor Häftlingen in Justizvollzugsanstalten live gespielt. 1989 in der JVA Tegel, hier ein paar Jahre später in Düsseldorf.
Die Toten Hosen haben mehrmals vor Häftlingen in Justizvollzugsanstalten live gespielt. 1989 in der JVA Tegel, hier ein paar Jahre später in Düsseldorf.Brigani-Art/imago

Immer wieder wurde und musste auf dem Gelände gebaut werden. „Das ist eine Anstalt, in der man die letzten 125 Jahre Justizvollzugsgeschichte am lebenden Objekt betrachten kann“, erklärt Riemer, inzwischen seit zehn Jahren Leiter des Gefängnisses.

In diese Zeit fiel ein spektakulärer Ausbruch im Februar 2018: Einem Gefangenen war es gelungen, in einen Lieferwagen zu klettern und unbemerkt nach draußen zu kommen. Als Konsequenz wird seitdem hochsensible Technik zur Kontrolle eingesetzt: In jedem Fahrzeug, das die Anstalt verlässt, erfasst ein Herzschlagdetektor in Sekundenschnelle menschliche Geräusche.

Zu einer der größten Herausforderung gehörte für Riemer bislang jedoch die Corona-Pandemie. „Es war eine interessante Erfahrung, wie so eine eigentlich sehr robuste Institution Gefängnis auf so eine besondere Erfahrung reagiert“, sagt er heute dazu.

JVA Tegel: Auf 700 Gefangene kommen 600 Justizangestellte

Angesichts des Bauzustandes der JVA ist Riemer froh darüber, dass die schwarz-rote Berliner Regierung alte Pläne reaktiviert hat und eine neue Haftanstalt auf dem Gelände bauen will. Das Geld dafür hat der Senat laut Justizsenatorin Felor Badenberg (parteilos) für den Doppelhaushalt 2024/2025 eingeplant. Baustart soll 2025 sein, drei Millionen Euro sind laut Badenberg veranschlagt für das Projekt. Frühere Planungen für einen Ersatzneubau waren von Rot-Rot-Grün gestoppt worden, nach einem Regierungswechsel Ende 2016.

Trotz der Probleme, die auch dadurch entstanden sind, kann nach Einschätzung des Gefängnisleiters „sehr individuell“ auf die meisten Gefangenen eingegangen werden. „Wir haben einen konstruktiven, professionell-freundlichen Umgang mit den Gefangenen“, meint Riemer. Insasse H. Peter Maier widerspricht dem nicht. Zugleich berichtet der Redakteur der Gefangenenzeitung Lichtblick, die unzensiert in der JVA erstellt wird, von großem Personalmangel.

Wärter in einem der alten Zellentrakte der JVA Tegel
Wärter in einem der alten Zellentrakte der JVA TegelGötz Schieser

„Die Leute warten und warten. Es gibt beispielsweise viel zu wenige Sozialarbeiter“, schildert der gebürtige Schweizer. Ein anderes Problem sei die Verständigung. „Es bräuchte viel mehr Menschen, die andere Sprachen sprechen.“ Häufig müssten Gefangene herangezogen werden, um das Nötigste zu übersetzen für ausländische Häftlinge. Zwar könnten Sozialarbeiter Übersetzer heranziehen, praktisch sei das aber kaum zu verwirklichen.

Etwa 700 Häftlinge befinden sich laut Anstaltsleiter derzeit in der JVA, die generell rund 900 Plätze habe. Durch Brandschutzmaßnahmen in Gebäudekomplexen sei die Kapazität derzeit jedoch geringer und läge bei fast 800 Plätzen. Zu Hochzeiten seien in den Jahren 2007/2008 1800 Menschen inhaftiert gewesen.

Knapp 600 Menschen seien im Kern im Gefängnis beschäftigt, hinzu kämen regelmäßig Beschäftigte von freien Trägern oder technisches und medizinisches Personal. Wichtigste Voraussetzung für Riemer, um den Job hinter Gittern leisten zu können: „Man muss von der Sinnhaftigkeit der Arbeit überzeugt sein.“