Union-Kolumne

Hallo Eiserne, auch mit Häme müsst ihr eben mal leben

Nach vier Niederlagen in Folge hängt der Haussegen beim 1. FC Union etwas schief. Viele haben das früher erwartet.

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Hängende Köpfe, finstere Mienen wie nach dem 0:2 gegen Hoffenheim – so hat man die Spieler des 1. FC Union lange nicht gesehen.
Hängende Köpfe, finstere Mienen wie nach dem 0:2 gegen Hoffenheim – so hat man die Spieler des 1. FC Union lange nicht gesehen.Ronny Hartmann/AFP

Mancherorts reibt man sich gerade die Hände. Viel zu lange habe es gedauert bis zu diesem Moment. Viel zu lange auch hätten die einen über ihre Verhältnisse gelebt, und zwar deutlich. Auf so etwas wie Normalmaß seien sie gestutzt worden, die Aufmüpfigen, Widerborstigen, manchmal auch Neunmalklugen.

Die Alte Försterei und eine Festung? Vorbei! Der Weg des 1. FC Union führe immer nur nach oben? Träum weiter! Auf Dauer im oberen Tabellendrittel festsetzen? Lächerlich! Dem Establishment den Marsch blasen? Wie witzig! Beweisen, dass Fußball-Romantik eine Zukunft habe? Kein Stück! Ihre Defensive sei eine der stabilsten im Land? Ach, komm …

Der Augenblick ist für die Eisernen gerade nicht schön

Mit dieser Häme, meist nur hinter vorgehaltener Hand geäußert, müssen sie in Köpenick gerade leben. Geschieht ihnen ganz recht, so hier und da der Tenor. Was haben sie, zumal in Europas Königsklasse, auch international zu suchen? Sollen sie froh sein, überhaupt in der Bundesliga gelitten zu sein, im fünften Jahr nun schon.

Unions bislang letztes Tor gelingt Robin Gosens (Nummer 6) beim 1:2 in Wolfsburg.
Unions bislang letztes Tor gelingt Robin Gosens (Nummer 6) beim 1:2 in Wolfsburg.Matthias Koch/IMAGO

Der Augenblick ist für die Eisernen gerade nicht schön, zugegeben. Drei Niederlagen in Folge in der Bundesliga und zwischendurch eine vierte in der Champions League sind nicht das, wovon ein Verein träumt. Ein einziges Tor nur haben sie erzielt in diesen sechs Stunden, aber acht gefangen, ein entscheidendes davon in der Nachspielzeit.

Von Alarmstimmung kann keine Rede sein

Das müssen sie erst einmal verdauen nach all dem Lob, das ihnen zugeflogen ist. Seit mehr als zwei Jahren, seit genau 70 Spieltagen, sind sie erstmals wieder auf einen zweistelligen Tabellenplatz abgerutscht. Das ist alles andere als schlimm, aber eben ungewohnt.

Dass jetzt die Besserwisser, die Schon-immer-den-Finger-Heber, diejenigen Schuster, die lieber bei ihren Leisten geblieben wären, wenn auch vereinzelt, aus ihren Löchern kriechen, überrascht wahrscheinlich niemanden.

Diesen Einbruch, wenn es überhaupt einer ist, haben andere schon viel früher erwartet. Ist ja auch irgendwie logisch. Deshalb kann von Alarmstimmung (noch) keine Rede sein. Dass trotzdem jemand Alarm schlägt, der Trainer nämlich, ist aber richtig und normal.

Was sind die Basics auf dem höchsten Niveau?

Keine Basics habe seine Mannschaft in der ersten Halbzeit beim 0:2 zuletzt gegen Hoffenheim gehabt, sagte Urs Fischer. Was aber sind Basics auf dem Niveau eines Teams, das zum dritten Mal in Europa spielt?

Gehört das Stoppen des Balls noch dazu? Dessen Weiterspielen auch? Müssen die rot-weißen Profis wieder lernen, sich freizulaufen und zu decken? Darum kann es nicht gehen. Eigentlich. Das ist das, was täglich auf dem Trainingsplatz passiert und was jedem in Fleisch und Blut übergegangen ist, auch weil hier die Grundlagen in einer deutlich höheren Schublade liegen als beim Bezirksligist Grünauer BC oder beim Landesligist Polar Pinguin.

Trifft Jude Bellingham nicht doch noch für Real Madrid, wären die aktuellen Sorgen beim 1. FC Union etwas kleiner.
Trifft Jude Bellingham nicht doch noch für Real Madrid, wären die aktuellen Sorgen beim 1. FC Union etwas kleiner.Thomas Coex/AFP

Manchmal sind es tatsächlich nur die winzigen Momente, die sprichwörtlichen Details, die die Stimmung versauen, sich aber möglicherweise zu einer Spirale ausweiten.

Können? Manchmal ist es aber auch Glück

Ein Beispiel nur: Maximilian Beier, der 20-jährige Angreifer der Hoffenheimer und nunmehr mit vier Saisontoren auf einer Stufe mit Kevin Behrens, zirkelt den Ball bei seinem Treffer zum 2:0 gerade so ins linke untere Eck. Mit einem nur um ein Haar kleineren großen Onkel wäre er nicht einmal an das Zuspiel von Grischa Prömel gekommen.

Später hat es Behrens aus der Distanz versucht, als das TSG-Tor ziemlich leer war. Nur ging der Ball knapp links vorbei. Das mag am Können liegen, manchmal aber ist es auch Glück. Mit 68 Metern Breite ist die Spielfläche des Stadions An der Alten Försterei angegeben. Das eine Mal geht der Ball 20 Zentimeter rechts vom linken Pfosten ins Tor, das andere Mal 20 Zentimeter links davon ins Aus.

Nicht mal ein Zehntel der deutschen Inflationsrate

Das macht mit dem Alu einen Unterschied von einem halben Meter oder auf die gesamte Breite einen von 0,7 Prozent und etwas Kleinem dahinter. Das ist, schräger Vergleich, nicht einmal ein Zehntel der in Deutschland seit zwei Jahren üblichen Inflationsrate. Trotzdem entscheidet diese Winzigkeit oft über An- oder Abstoß.

Die Rot-Weißen sind etwas aus der Spur. Das kommt vor. Ihre Leichtigkeit hat gelitten. Auch das passiert. Ihr Selbstverständnis ist angekratzt. Das kennen andere auch. Deshalb, Jungs: Durchatmen, neu sortieren, breite Brust zeigen, Kopf freikriegen – dann habt ihr den nächsten Dreier bald wieder vor den Füßen.