Entspannter Einkauf

„Stille Stunde“: Wenn der Supermarkt auf leise stellt

Das Einkaufen ohne Musik, Lautsprecherdurchsagen und bei gedimmtem Licht ist für Menschen mit Autismus oder besonderer Reizsensibilität gedacht.

Teilen
„Stille Stunde“ in der Edeka-Filiale am Herrenhäuser Markt in Hannover.
„Stille Stunde“ in der Edeka-Filiale am Herrenhäuser Markt in Hannover.epd

Es ist still. Praktikant Yann Hornung drückt den Kunden die Einkaufwagen einzeln in die Hand, damit Sperrketten und Metallgitter nicht klimpern. Überall herrscht dämmriges Licht. Und noch etwas ist anders beim Edeka am Herrenhäuser Markt in Hannover.

Es ist das erste Mal, dass der Supermarkt im hannoverschen Norden zur „Stillen Stunde“ geladen hat. Einkauf ohne Reizüberflutung. Ein Angebot, das insbesondere für Menschen gedacht ist, die hochsensibel sind, ADHS haben, unter Autismus oder einer Angststörung leiden oder einfach von zu vielen Eindrücken und Reizen überfordert sind.

Ein Mitarbeiter steht an einem Regal in ein Supermarkt der neuseeländischen Countdown-Kette. Aus Rücksicht auf geräusch- und lichtempfindliche Kunden wird einmal die Woche die Musik ausgestellt und das Licht heruntergedimmt.
Ein Mitarbeiter steht an einem Regal in ein Supermarkt der neuseeländischen Countdown-Kette. Aus Rücksicht auf geräusch- und lichtempfindliche Kunden wird einmal die Woche die Musik ausgestellt und das Licht heruntergedimmt.Christoph Sator/dpa

Die Idee stammt aus Neuseeland. Die Supermarktkette Countdown hat die „Low-sensory Quiet Hour“ vor rund vier Jahren eingeführt. „Wir möchten, dass unsere Märkte alle Neuseeländer einbeziehen“, heißt es auf der Homepage und weiter: Lebensmitteleinkauf könne für manche Kunden angstbesetzt sein. „Deshalb bieten wir eine ruhige Stunde mit geringen sensorischen Anforderungen an.“ In Deutschland gibt es inzwischen einige Supermärkte, die reizarmes Einkaufen anbieten – unter anderem in Greifswald, Bergisch Gladbach und Offenbach.

Das Licht wird gedimmt, es gibt keine Musik

Nadja Wirth ist Inhaberin der Edeka-Filiale am Herrenhäuser Markt. Sie zählt auf, was in der „Stillen Stunde“ alles anders ist als sonst: Das Licht wird gedimmt, es gibt keine Musik, keine Werbung, keine Lautsprecherdurchsagen. Die Barcodes an den Kassen piepen nicht, auf das Auffüllen der Regale wird verzichtet. Es fahren keine Hubwagen durch den Laden, kein Klirren von Flaschen und Gläsern, kein Summen, Rascheln, Scheppern.

Ein Kundin geht während der „Stillen Stunde“ durch einen Supermarkt in Neuseeland.
Ein Kundin geht während der „Stillen Stunde“ durch einen Supermarkt in Neuseeland.Christoph Sator/dpa

Ursula Zech ist zufällig in die „Stille Stunde“ geraten. Sie habe sich erst etwas gewundert, sagt die 75-Jährige. „Doch jetzt empfinde ich es als sehr angenehm, alle sind etwas verhaltener, bedächtiger, umsichtiger.“ Für ältere Menschen wie sie sei das ideal, sagt sie.

Die Einkäufer sind entspannter, freundlicher, höflicher

In der Tat scheinen sich Ruhe und gedämmtes Licht auf die Einkaufenden positiv auszuwirken. Sie wirken entspannter, freundlicher, höflicher. Natürlich nicht alle. Eine Gruppe Jugendlicher biegt mit Chipstüten und Eistee um die Ecke. Sie reden und kichern laut. Die „Stille Stunde“ scheint an ihnen vorbeigegangen zu sein. Oder nicht? Als sie den großen Aufsteller mit dem „Psst!“-Emoji sehen, dämpfen auch sie ihre Stimmen.

Dass die Kunden sich anders, bewusster durch den Markt bewegen, hat auch Josefine Hartmann bemerkt. Sie leitet die hannoversche Autismus-Ambulanz von „Pro School“ und war mit der Idee der „Stillen Stunde“ auf Supermarkt-Inhaberin Nadja Wirth zugekommen. „Was wir hier sehen, diese gegenseitige Rücksichtnahme, das ist ja im Grunde das Ziel von Inklusion. Wir sind happy.“

Nadja Wirth, Inhaberin der Edeka-Filiale am Herrenhäeuser Markt in Hannover, mit ihrem Aufsteller zur „Stillen Stunde“.
Nadja Wirth, Inhaberin der Edeka-Filiale am Herrenhäeuser Markt in Hannover, mit ihrem Aufsteller zur „Stillen Stunde“.epd

Auch Wirth wertet die ersten Erfahrungen positiv, am 17. Oktober soll es die nächsten stillen Einkaufstunden geben. Und wenn alles weiter glattläuft, dann können die Menschen am Herrenhäuser Markt demnächst jeden dritten Dienstag reizarm einkaufen.

Warum sie die „Stille Stunde“ nicht noch häufiger anbietet, will eine Frau wissen, die ebenfalls mit autistischen Kindern zusammenarbeitet. Wirth schaut skeptisch. „Das wird nicht gehen“, sagt sie. „Es muss schon in die Abläufe passen.“ Dreimal die Woche würden neue Waren geliefert, einmal die Woche Getränkekisten – ein ruhiger Ort sei ein Supermarkt von Natur aus eigentlich eher nicht.