Seit Jahrhunderten

Seltene Warnsteine in Flüssen: Ihr Auftauchen bedeutet nichts Gutes!

Sinkende Pegel legen in der Elbe wieder Hungersteine frei. Die jahrhundertealten Felsen gelten seit Generationen als Warnzeichen für Krisenzeiten.

Author - Florian Thalmann
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In der Elbe in der Sächsischen Schweiz gibt es viele sogenannte hungersteine: Felsblöcke, die nur zu sehen sind, wenn der Wasserpegel unter einen Tiefstand fällt.
In der Elbe in der Sächsischen Schweiz gibt es viele sogenannte hungersteine: Felsblöcke, die nur zu sehen sind, wenn der Wasserpegel unter einen Tiefstand fällt.Beautiful Sports/imago, Dr. Bernd Gross/Wikipedia

Obwohl wir glauben, die Welt um uns herum sehr gut zu verstehen, hat sie doch viele Geheimnisse zu bieten – Dinge, von denen wir manchmal gar nicht wissen, dass sie existieren. Dazu gehören auch die sogenannten hungersteine, ein verborgener Schatz, den es in vielen Flüssen gibt, unter anderem in der Elbe. Große Felsblöcke, versenkt in den Tiefen des Wassers – doch wenn sie zu sehen waren, verbreiteten sie Angst und Schrecken. Wir verraten, was es mit den düsteren Steinen auf sich hat, wer sie im Fluss versenkte und welche dramatische Bedeutung sie haben.

Wenn der Pegel sinkt, taucht ein alter Schatz auf

Wenn der Wasserstand der Flüsse besonders tief sinkt, dann sind sie plötzlich zu sehen, die Steine mitten im Flussbett. Sie werden Hungersteine genannt, die Felsblöcke, die auch in der Elbe schon seit Jahrhunderten schlummern. Warum?

Es handelt sich um steinerne Marken, die zeigen, wie weit der Wasserstand des Flusses zu bestimmten Zeiten in der Vergangenheit sank. Sie werden nur in einem besonders heißen Sommer mit sehr wenig Regen sichtbar – dann, wenn der Wasserstand auf einen Tiefstand sinkt, der das Flussbett beinahe sichtbar macht.

Die Hungersteine verbreiteten früher Angst und Schrecken. Der Grund: Sank das Wasser auf einen Tiefstand, hatte das gravierende Folgen für viele Menschen. Schiffe konnten nicht mehr fahren, wenn der Fluss nicht mehr genug Wasser führte.

Damit blieben die Warenlieferungen aus. Aber auch die Mühlen standen still, was wiederum die Getreidepreise in die Höhe schnellen ließ. Die Folge: Es konnte zu Hungersnöten kommen. Die Hungersteine in den Flüssen – unter anderem in der Elbe – waren also steinerne Vorboten der drohenden Katastrophe.

Es gibt auch modernere Hungersteine: In diesen bei Tolkewitz in Sachsen wurde erst im September 2016 eine Inschrift gemeißelt.
Es gibt auch modernere Hungersteine: In diesen bei Tolkewitz in Sachsen wurde erst im September 2016 eine Inschrift gemeißelt.Dr. Bernd Gross/Wikipedia

In die Felsblöcke wurde im Laufe der Zeit die Jahreszeiten gemeißelt, zu denen die Hungersteine zu sehen waren. Sie sind also nicht nur eine Warnung, sondern auch ein spannendes historisches Zeitzeugnis, weil sie zeigen, in welchen Jahren die Trockenheit im Sommer besonders dramatisch war. Zu einem der bekanntesten Steine dieser Art gehört ein Feldblock bei Decin nahe der tschechischen Grenze: Er trägt die Inschrift „Wenn du mich siehst, dann weine“ und gehört zu den berühmtesten seiner Art.

Gruselige Inschrift: „Wenn du mich siehst, dann weine“

Der Stein ist etwa 6 Kubikmeter groß, die älteste lesbare Inschrift auf dem Felsen stammt aus dem Jahr 1616. Zwar soll es noch ältere Markierungen aus den Jahren 1417 und 1473 gegeben haben, doch diese wurden durch die Schiffe, die nahe des Steins ankerten, nach und nach abgerieben. Neben der bekannten Inschrift „Wenn du mich siehst, dann weine“ steht auf dem Stein außerdem der Spruch  „Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld“, der im Nachhinein aufgebracht wurde und etwas mehr Optimismus verbreiten soll.

Die Existenz mancher Steine galt lange als Legende, weil sie sehr selten zu sehen waren. So liegt ein Hungerstein bei Tichlowitz in Tschechien, der lange als eine Sage der Fischer galt. Von ihm wurde 1892 erstmals berichtet. Es hieß, der Stein trage die Inschrift „Wir haben geweint – Wir weinen – Und ihr werdet weinen“.

Erst im Jahr 1904, als der Wasserstand das nächste Mal so tief sank, wurde bestätigt, dass es den Stein wirklich gibt. Er trägt die Inschriften 1842, 1874, 1892 und 1904 und dazu den Spruch „Wer einst mich sah, der hat geweint. Wer jetzt mich sieht wird weinen“.

Manche Hungersteine sind unscheinbar und offenbaren ihre Inschriften nur bei genauem Hinsehen. Hier einer der Steine in der Weser.
Manche Hungersteine sind unscheinbar und offenbaren ihre Inschriften nur bei genauem Hinsehen. Hier einer der Steine in der Weser.Axel Hindemith/Wikipedia

Besonders häufig kommen die Steine übrigens in der Sächsischen Schweiz vor – in der Elbe zwischen dem Ort Decin und der sächsischen Stadt Pirna. Der Grund: Hier gab es früher viele Steinbrüche, unter anderem zwischen Bad Schandau und Schmilka beim Ort Postelwitz. Gab es nicht genug Wasser in der Elbe, konnten die Felsen aber nicht transportiert werden.

So entstanden die Hungersteine der Sächsischen Schweiz

Stattdessen mussten die Steinmetze herumsitzen – sie langweilten sich und steckten ihre Fähigkeiten wohl in die Herstellung der Hungersteine. Andere Felsen dieser Art sollen unter anderem auch im Spreewald liegen – und auch im Schwielochsee bei Jessern soll sich ein Fels mit der Aufschrift „Wenn du mich siehst wirst Du weinen“ befinden.

Doch Hungersteine gibt es nicht nur in der Elbe, sondern auch in anderen Regionen in Deutschland. Etwa im Rhein: hier gibt es Hungersteine, die schon seit mehreren Tagen völlig trocken im Flussbett liegen. Laut einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers sind sie normalerweise südlich der Mündung der Wupper im Wasser verborgen, sind in den vergangenen Jahren aber häufiger zu sehen gewesen.

Erstmals tauchte ein Stein mit der Aufschrift „BE. TL. 1959“ im August 2003 auf, da fiel der Wasserstand in der Region auf 80 Zentimeter. Die Entwicklung zeigt auch, dass die Sommer heißer werden: In den Jahren seitdem lagen die Steine laut dem Bericht immer wieder trocken.