Ein Leben als Kommunist

Er schuf die DDR: Wer war Walter Ulbricht?

Eine neue Biografie von Ilko-Sascha Kowalzcuk beleuchtet das Leben des Walter Ulbrichts vor der DDR.  Am 4. Oktober stellt der Historiker sie im DDR-Museum vor. 

Author - Stefanie Hildebrandt
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Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR. Er prägte maßgeblich den Aufbau der DDR. 
Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR. Er prägte maßgeblich den Aufbau der DDR. imago/Werner Schulze

DDR-Geschichte ist neuerdings wieder in aller Munde. Nicht erst  mit dem Band „Diesseits der Mauer“, den Katja Hoyer kürzlich vorlegte, und mit Dirk Oschmanns Polemik, sondern auch mit einer im Sommer erschienenen neuen Biografie über Walter Ulbricht. Am 4. Oktober stellt Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk  sein Buch „Walter Ulbricht – Ein deutscher Kommunist“ im Konferenzraum des Berliner DDR-Museums vor. 

Mauerbauer, Organisator des Kommunismus, Spitzbart, Berufsrevolutionär.  Man glaubt ihn zu kennen, den „Genossen WU“, der mit seinem gefistelten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, Weltgeschichte schrieb.  Doch wer war Walter Ulbricht, bevor er zum bekanntesten Politiker der DDR wurde, mit über 20 Jahren an der Spitze des Staates? Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat eine Biografie geschrieben, die das Vorleben Walter Ulbrichts beleuchtet.  

Für sein Buch hat Kowalczuk jahrelang jeden Zettel, jeden Brief, jede Quelle zu Ulbricht studiert, die er finden konnte. Herausgekommen ist ein vielschichtiges Porträt des Diktators als junger Mann.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat neues Buch über das Leben Walter Ulbrichts geschrieben. 
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat neues Buch über das Leben Walter Ulbrichts geschrieben. bnew/mike fröhling

Kommunistischer Diktator

„Und er wollte werden, was er alsbald auch wurde: der kommunistische Diktator in Deutschland.“ Mit diesem Satz endet der 777 Seiten lange erste Teil der Biografie. Er behandelt die Zeit bis 1945, als die „Gruppe Ulbricht“ von Moskau aus ins zerstörte Berlin entsandt wurde, und enthält Ulbrichts Aufstieg innerhalb der Arbeiterbewegung, den Kampf der KPD in der und gegen die Weimarer Republik, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Ulbrichts Exilzeit in Prag, Paris und Moskau.

Wer diese Hintergründe kennt, versteht sehr viel besser, was Ulbricht nach 1945 antrieb und warum die DDR zu dem wurde, was sie war. Ulbrichts Geschichte ist auch jene des Kommunismus und des zerrissenen 20. Jahrhunderts. Dass am Ende Sprüche stehen wie „Spitzbart Bauch und Brille! Sind nicht das Volkes Wille!“ während der Proteste am 17 Juni 1953 ist da noch nicht abzusehen. 

Tischler, Sachse, Familienvater: Walter Ulbricht vor dem Leben in der DDR

Walter Ulbricht wächst in Leipzig auf, im selben Haus in dem auch Gustav Mahler lebte und  Gustav Stresemann als Student einzieht. Der Vater, ein Schneider, vermittelt Walter, dass Bildung wichtig ist. Ulbricht arbeitet sich aus einfachen Verhältnissen hoch. Als Tischlergeselle wandert Walter Ulbricht als junger Mann nach Venedig und zurück.  Im ersten Weltkrieg desertiert er von der Front und macht ab 1918 in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands  Karriere. Die Geschichte der KPD ist eine voller Intrigen, Walter Ulbricht behauptet sich mit sozialer Intelligenz, Härte und Zähigkeit mittendrin. 

Walter Ulbricht vertritt am 22. Januar 1931 im Saalbau Friedrichshain seine klare antifaschistische Position, Gauleiter Goebbels (links) unterliegt im Rededuell.
Walter Ulbricht vertritt am 22. Januar 1931 im Saalbau Friedrichshain seine klare antifaschistische Position, Gauleiter Goebbels (links) unterliegt im Rededuell.Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH

Das TV-Magazin „ttt“ hat kürzlich den Historiker Kowalczuk in Berlin besucht. Warum eine Biografie über einen Mann, der zu Lebzeiten von den einen gehasst, von den anderen als erster Mann des Staates und Führer der Partei gehuldigt wurde? Ihn bewege die Frage, wie aus dem Staat, der eine Mauer brauchte, damit die Leute nicht wegrennen, einer Idee, die er als Jugendlicher selber zuerst toll fand, so eine perverse Art des Staatsverständnisses werden konnte, sagt der Historiker. Die Schlüsselfigur, die DDR zu verstehen, ist Walter Ulbricht. Er formte den Staat nach stalinistischem Vorbild und Willen, samt Stasi, Armee und Polizeigewalt. Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen die Macht haben, lautet das Credo, das Ulbricht ausgab. 

Mit dem Blick aus dem Westen und auch innerhalb des SED Regimes blieb Walter Ulbricht stets seltsam gesichtslos. Kowalzcuks Verdienst ist es, herauszuarbeiten, wo Ulbrichts Wurzeln waren und was ihn antrieb, ehe er nach dem Krieg aus Moskau nach Deutschland zurückkehrte, um den Sozialismus zum Sieg zu führen.

Witze über Dialekt und hohe Stimme in der DDR

Ulbricht, so legt der Historiker dar, war in der ersten Hälfte seines Lebens mitnichten die Witzfigur, an die sich viele DDR-Bürger erinnern. Erst in den 1950er Jahren habe man begonnen, sich über seine hohe Stimme, und den sächsischen Dialekt lustig zu machen. Walter Ulbricht sei in den frühen Jahren ein leidlich guter Redner gewesen, habe die Massen mitgenommen, das habe sogar sein schärfster Konkurrent Joseph Goebbels anerkannt. Erst später schreibt man Ulbricht vielerlei zu: er sei ungebildet, interessiere sich nicht für Kultur, sein Vater sei ein Säufer gewesen. „Nichts davon ist wahr“, so Ilko-Sascha Kowalczuk.

Ab 1933 leitet Ulbricht im Auftrag Moskaus die KPD-Büros in halb Europa an. Im Exil schärft er sein kommunistisches Profil, erweist sich als linientreu und verlässlich, seine Ausdauer und der unbedingte Wille zur Macht gegen alle Widerstände sorgen dafür, dass er auch während der großen Säuberungen Stalins in seinen Funktionen bleibt. 

„Ulbricht war alles andere als ängstlich. Von seinen Mitstreitern hat er hohes persönliches Risiko abverlangt. Aber nie etwas, was er selber nicht auch gemacht hätte. Das haben auch seine politischen Gegner innerhalb der Partei anerkannt“, so Kowalczuk. 

Der Fernsehturm wurde am 03.10.1969 durch Walter Ulbricht eingeweiht. Erste Gäste im Tele-Café sind Walter Ulbricht, Lotte Ulbricht und Willi Stoph.
Der Fernsehturm wurde am 03.10.1969 durch Walter Ulbricht eingeweiht. Erste Gäste im Tele-Café sind Walter Ulbricht, Lotte Ulbricht und Willi Stoph.adn/zentralbild

Über Walter Ulbrichts Privatleben ist wenig bekannt. Auch hier gräbt der Historiker tief und zeigt einen Mann, der etwa beim Schlittschuhlaufen die spätere First Lady der DDR, und seine große Liebe  und zweite Frau Lotte Kühn kennenlernt. Bis sie mit 98 Jahren starb, lebte sie noch im Majakowskiring, dem Städtchen in Pankow. 62 Liebesbriefe von Walter an Lotte sind überliefert. Ulbricht, der als Politiker keine Härte scheut, zeigt hier Emotionen. Auch als Vater soll er seinen beiden Töchtern ein liebevoller Begleiter gewesen sein. 

Aus den Briefen zwischen Walter und Lotte wird ersichtlich, dass er „gerade“ sei, „und einfach, klug, lustig und kräftig, und mit einem wundervollen Zartgefühl“ – und dass er nicht gern aus freien Stücken früh aufstand.

Als Berufsrevolutionär folgte er der Linie Stalins, beharrlich, asketisch, diszipliniert und skrupellos. 

Kowalczuk, Ilko-Sascha
Walter Ulbricht
DER DEUTSCHE KOMMUNIST. (1893-1945) erschienen beim  Verlag C.H.Beck, 58 Euro. 
Kowalczuk, Ilko-SaschaWalter UlbrichtDER DEUTSCHE KOMMUNIST. (1893-1945) erschienen beim Verlag C.H.Beck, 58 Euro. Verlag C.H.Beck oHG