Vor einigen Monaten hat die ARD-Journalistin Jessy Wellmer schon einmal die besondere Sicht der Ostdeutschen gezeigt. Damals ging es um die Sicht der Ostdeutschen auf Russland. Das konnte man noch nachvollziehen, schließlich war die DDR ein Satellitenstaat der Sowjetunion, die kulturelle und sonstige Verzahnung war eng. Jetzt war die Journalistin wieder unterwegs für den Film „Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen“. Die Reportage wird am 25. September 2023 um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt und ist ab 22. September 2023 in der ARD-Mediathek abrufbar.
Dass die ARD dem Thema einen Sendeplatz um 20.15 Uhr einräumt, ist richtig. Dennoch müssen wir noch viel weiter weg von gönnerhaften „Erklär-mir-den-Osten-Formaten“ hin zu einem nüchternen Blick auf den Ist-Zustand in Ost und West, Nord und Süd. Deutschland muss sich in Klimakrise, Migration, Krieg und Umbruch gerade sowieso neu erfinden. Die Gelegenheit, endlich auszuloten, wo und in welchem Land wir alle gemeinsam eigentlich irgendwann ankommen wollen.
Ost-West-Debatte, ungleiche Löhne
Der Film ist eine Art Fortsetzung der Reportage „Russland, Putin und wir Ostdeutsche“ vom vergangenen Jahr. Diesmal geht es um die neue Ost-West-Debatte, die vor allem der Leipziger Literaturprofessor Dirk Oschmann mit seinem Bestseller „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ beflügelt hat. Und um die aus oft sehr großer Distanz aus dem Westen gestellte Frage: Was ist da eigentlich los im Osten?
Die Journalistin tritt während der Reportage ausdrücklich als Ostdeutsche auf und umgeht so ein bisschen plakativ den Vorwurf: Da kommen wieder die Westdeutschen in den Osten, um ihre eigenen Vorurteile zu bestätigen. „Ich hatte das starke Bedürfnis, mit den Ossis selber zu sprechen, um zu zeigen, wie viele Lebenswege es gibt“, sagt Jessy Wellmer und sie stellt klar: „Es gibt eine ganz große Meinungsvielfalt im Osten.“ Die unterschiedlichen Lebenswege, die Menschen im Osten gegangen sind, die Vielfalt der Erfahrungen, die will sie auch ihren Kindern vermitteln. Weniger das Schwarz-Weiß-Denken, das noch zu oft vorherrsche, sagt die Journalistin in Interviews.

Dennoch hat man das Gefühl, es findet schon wieder eine Typisierung der Ostdeutschen statt: Die ARD-Reporterin begegnet dem Fußballtrainer Steffen Baumgart in Köln, einem Wende-Gewinner, der auch mit dem Klischee des Ossis zu kämpfen hatte, aber am Ende sagt: „Ich bin definitiv ein Gewinner aus der Situation heraus.“
Auf Stadtfesten spürt Jessy Wellmer für den Film potenzielle AfD-Wähler auf und fragt sie, wo es hakt im Land. Man müsse mehr für die Rentner tun, sagt einer, und weniger für Migranten. Die Unzufriedenheit über ungleiche Löhne und Renten, der Unmut über „die da oben“, die hohen Umfragewerte für die AfD: Im Land brodele es, stellt die künftige „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer gleich zu Beginn ihres Films fest.
Wellmer befragt einen Lufthansa-Techniker, der es ungerecht findet, dass er im Osten für gleichen Lohn pro Woche 2,5 Stunden länger arbeiten müsse als die Kolleginnen und Kollegen im Westen. Man diskutiere über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, aber bekomme es nicht hin, die Bürger eines Landes gleich zu bezahlen, gibt er zu bedenken. Kein Wunder, dass sich Menschen im Osten oft als Bürger zweiter Klasse begreifen.
Mehrheit der Deutschen fühlt Kluft zwischen Ost und West
Wellmer trifft die Chemnitzer Band Blond, die den neuen Ost-Stolz verkörpern, und den potenziellen AfD-Wähler – jedes Klischee bedienend – mit Bier in der Hand auf einem Fest im brandenburgischen Seelow. Für ihn und auch für den Literaturprofessor Oschmann hat die Reporterin stets ausgleichende Gegenargumente und „Aber“ in petto. Wirklich nur zuhören und das Gesagte mal stehen lassen, das vermag die Doku dann doch nicht.
Belehrender Blick auf Ostdeutschland
Dabei ist es doch der stets belehrende Blick auf Ostdeutschland, aus einer längst als hohl erkannten Überlegenheitsposition, der den Ostdeutschen so auf die Nerven geht. Warum kann man die unterschiedliche Sozialisierung während der Teilung nicht einfach als gegeben hinnehmen, ohne erziehen zu wollen, stattdessen Verbindendes suchen und auf struktureller Ebene ganz selbstverständlich für Gleichberechtigung sorgen? Das wäre ein erster Schritt, die trennende Kluft zu schließen.
Die interessantesten Erkenntnisse bringt nämlich eine für die Sendung erhobene Umfrage von Infratest Dimap. Darin sagen auf die Frage „Wie stark sind Ost und West zusammengewachsen?“ 33 Jahre nach der deutschen Vereinigung im Osten 35 Prozent der Befragten stark oder sehr stark, aber 62 Prozent weniger stark oder gar nicht. Im Westen ist das Verhältnis 40 Prozent zu 56 Prozent. Eine Mehrheit in beiden Fällen ist überzeugt: Die Kluft ist da.
Der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak schließt aus dem Stand der Dinge, dass die „kulturelle Vereinigung“ vielleicht gar nicht das Ziel sein muss, sondern vielleicht zunächst einmal Anerkennung für die Vielfalt. Wellmer selbst kommt zu dem Schluss: „Der Osten ist Heimat, Hoffnung, aber auch eine Aufgabe. Wir sollten sie annehmen.“ Wie auch der Westen eine Aufgabe ist, möchte man hinzufügen. Denn auch da läuft längst nicht alles rund.





