Reportage

Das Union-Märchen: So erlebt Templiner Fan das Madrid-Spiel vor Ort!

Mitja Lobedan ist beim größten Spiel für den 1. FC Union dabei. Er berichtet von seinem aufregenden Tag und der Niederlage, die eigentlich keine war

Author - Sharone Treskow
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Der Union-Fanblock beim Champions-League-Spiel gegen Real Madrid.
Der Union-Fanblock beim Champions-League-Spiel gegen Real Madrid.Abacapress/Imago

Für Superfan Mitja Lobedan aus Templin grenzt es schon an ein Wunder: Er hat tatsächlich eine Karte für DAS Spiel des 1. FC Union ergattert! Das Besondere: Die Köpenicker starten zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins in der Champions League – sie dürfen im legendären Estadio Santiago Bernabéu gegen Real Madrid antreten. Die Königsklasse! Angefeuert werden die Eisernen von 4000 glücklichen Fans, die mit nach Madrid fliegen dürfen. Mitja ist unter ihnen. Für das, was der Templiner am Spieltag erlebt, hätte jeder Union-Anhänger alles gegeben. Er berichtet exklusiv für den KURIER.

Um 3 Uhr klingelt der Wecker in Templin

Es ist 3 Uhr am Mittwoch, Mitjas Wecker klingelt früh, denn der Zeitplan ist streng: Schon in einer Stunde geht der Sammeltransport mit seinen Kumpels von Templin zum Hauptstadtflughafen. Höchste Zeit also, aufzustehen und sich für einen der aufregendsten Tage seines Lebens vorzubereiten. Was er anzieht? Natürlich Rot-Weiß! Pünktlich um 4 Uhr düsen Mitja und seine Begleiter in Templin los: Die Fahrzeit nach Berlin beträgt rund zwei Stunden. Mit im Transport sitzen Mitjas Freunde aus dem Templiner Union-Fanklub – die „Fritzen Templin ’86“. Insgesamt 25 Mitglieder nehmen den Weg nach Madrid auf sich.

Die Ankunftshalle vom Flughafen BER am Mittwochmorgen ist gefüllt mit Unionern.
Die Ankunftshalle vom Flughafen BER am Mittwochmorgen ist gefüllt mit Unionern.Privat

„Wir sind am BER angekommen“, freut sich Mitja um 6.17 Uhr. Der Hauptstadt-Flughafen empfängt die Union-Fans gebührend: Die Bildschirme am Check-in zeigen natürlich das Vereins-Logo. Die Templiner Fritzen sind bei weitem nicht alleine hier: Die Spieler werden von etwa 4000 Union-Fans nach Madrid begleitet, davon reisen 1300 mit den vom Verein gecharterten Fanfliegern an. Wie die Bilder aus der Empfangshalle zeigen: Der ganze Flughafen sieht am Mittwochmorgen Rot-Weiß!

Der Check-in-Schalter für die Union-Flüge ist unschwer zu erkennen.
Der Check-in-Schalter für die Union-Flüge ist unschwer zu erkennen.Privat

Nach Check-in und Sicherheitskontrolle entspannen die Unioner in der Abflughalle am Gate. Hier wartet ein ganz besonderes Menü auf die Eisernen: Das Fan-Frühstück beinhaltet neben einer frischen Brezel – wie es sich gehört – ein Berliner Pilsner. Die Stimmung vor Ort ist aber „noch verhalten“, so Mitja. Vermutlich sind die Unioner einfach noch zu müde. „Denke, dass das im Flieger dann anders wird …“

Am BER wartet auf die Unioner ein Fan-Frühstück mit Berliner Pilsner.
Am BER wartet auf die Unioner ein Fan-Frühstück mit Berliner Pilsner.Privat

Vier Flieger voller Union-Fans reisen nach Madrid

„Da ist das Ding“, freut sich Mitja Lobedan über seinen Flieger nach Madrid.
„Da ist das Ding“, freut sich Mitja Lobedan über seinen Flieger nach Madrid.Privat

Vier Flieger füllen die Unioner am Mittwochmorgen. Mitja sitzt in Flieger drei, Flugnummer EVE 701. Um 8.35 Uhr heben sie ab, gegen 11.35 Uhr sollen sie in Madrid landen. „Da ist das Ding!“, freut sich Mitja beim Anblick der Maschine. Im Flieger angekommen, dürfen die Superfans sich über angemessene Deko freuen: Die Sitze wurden mit Papierchen in Union-Manier dekoriert! Aber schaut man sich die Fotos von der gefüllten Maschine so an, besteht eh kein Zweifel mehr, wo es hingeht: Jeder Passagier trägt stolz Vereinsfarben.

Flieger Nummer 3 kurz vorm Abflug nach Madrid – alle tragen Rot-Weiß!
Flieger Nummer 3 kurz vorm Abflug nach Madrid – alle tragen Rot-Weiß!Privat

Mitja ist übrigens optimistisch, dass die Eisernen mit der starken Konkurrenz aus Madrid mithalten können – und in der Königsklasse glänzen werden! „Prognose? Wir können nur gewinnen“, tönt der Union-Fan vorab. Das hört sein Lieblingsverein doch sicher nur allzu gerne!

Die Sitze im Union-Flieger sind dem Anlass gerecht dekoriert!
Die Sitze im Union-Flieger sind dem Anlass gerecht dekoriert!Privat

Chaos bei der Ankunft in Spanien

Schon um 11.17 Uhr kann Mitja freudig verkünden: „Wir sind überpünktlich in Madrid gelandet.“ Jetzt kommt bei den Union-Fans auch richtig Freude auf: „Die Stimmung steigt so langsam“, verrät Mitja. „Bei der Landung wurde auch gesungen“ – und zwar „So wie einst Real Madrid“. Doch leider kippt die Laune in der Union-Maschine schnell wieder: Der Fanklub hängt im Flieger fest! „Gerade kam eine Durchsage. Wir werden wohl einige Zeit im Flieger sitzen bleiben müssen, da der Transport vom Flieger zum Terminal sehr schleppend läuft beziehungsweise die Flieger der vorherigen Fans sehr lange brauchen, um zum Terminal gefahren zu werden“, schildert Mitja um 11.39 Uhr.

Jetzt singt keiner mehr, die Unioner sind genervt: „Die Stimmung ist gesunken, da wir nicht aus dem Flieger kommen.“ Und als wären die Schwingungen noch nicht bedrückend genug: „Es wird langsam warm im Flieger.“ Um 11.57 Uhr sind sie dann endlich frei! Vom Rollfeld aus jubelt Mitja: „Auf zum Bus bei Sonne pur.“ In Madrid hat es aktuell 19 Grad, es werden noch bis zu 25 Grad. Regen wird nicht erwartet – das perfekte Wetter also.

Die Unioner sind sicher in Madrid angekommen.
Die Unioner sind sicher in Madrid angekommen.Privat

„Wohin mit dem Gepäck?“, lautet jetzt die große Frage. Die Union-Fans durften nur Handgepäck mitnehmen, um das sie sich selbst kümmern müssen. Viel hat Mitja aber ohnehin nicht eingepackt: „Rucksack mit Pullover, Nicki, Powerbank und Schal.“ Was davon kommt nacher mit ins Stadion? „Na, Hauptsache der Schal ist dabei und das rote Nicki. Der kleine Turnbeutel wird wohl auch mitmüssen.“

Vor dem Hauptspiel geht’s zur U19

Das Estadio Alfredo Di Stéfano von innen – hier spielt gerade die U19 des 1. FC Union.
Das Estadio Alfredo Di Stéfano von innen – hier spielt gerade die U19 des 1. FC Union.Privat

Mitja ist so spartanisch unterwegs, weil er nach dem Spiel ohnehin wieder nach Berlin zurückfliegen wird – ohne Übernachtung in Madrid. Doch dieser eine Tag soll sich natürlich richtig lohnen! Deshalb besuchen Mitja und seine Kumpel vor dem Hauptspektakel noch ein anderes Spiel in Madrid: Im Rahmen der UEFA Youth League spielt die U19 des 1. FC Union Berlin gegen die A-Junioren von Real Madrid. Hier wollen Mitja und die restlichen Unioner natürlich auch ihren Support beisteuern! 

Mitjas Ticket für das U19-Spiel in Madrid.
Mitjas Ticket für das U19-Spiel in Madrid.Privat

„Angekommen im Estadio Alfredo di Stéfano“, berichtet Mitja um 14.18 Uhr – ein bisschen verspätet, es gab „Probleme mit dem Ankommen“. Hier stimmen die Männer sich bei den Jugendlichen schon mal auf den Ernstfall ein. Aber sie müssen die Uhr immer im Blick behalten: Das Estadio Santiago Bernabéu öffnet gegen 16.45 Uhr seine Tore für das Haupt-Event des Tages. Hier wollen die Jungs natürlich schon vor Ort sein.

Die U19 des 1. FC Union hat das erste Tor gegen gegen die A-Junioren von Real Madrid geschossen.
Die U19 des 1. FC Union hat das erste Tor gegen gegen die A-Junioren von Real Madrid geschossen.Privat

Das U19-Spiel ist eine Achterbahn der Gefühle: In der ersten Halbzeit schießen die jungen Unioner tatsächlich ein Tor, der Jubel vor Ort ist groß. Doch um 15.50 Uhr hat Mitja leider keine guten Nachrichten aus dem Estadio Alfredo di Stéfano: Die U19 des 1. FC Union hat verloren! „Circa 70 Union-Anhänger haben die 1:2 Niederlage verfolgt“, erklärt der Templiner. Aber die Fans vor Ort lassen sich davon nicht die Laune verderben und machen sich jetzt via Uber auf den Weg zum Hauptspiel. 

Langsam wird’s ernst: Das Estadio Santiago Bernabéu

„Angekommen am Stadion“, schreibt Mitja aufgeregt zu diesem Foto.
„Angekommen am Stadion“, schreibt Mitja aufgeregt zu diesem Foto.Privat

Mitja und der Rest vom Fanklub kommen gut durch die Stadt – um 16.46 Uhr stehen sie vor den heiligen Hallen des Estadio Santiago Bernabéu. Aber bevor es ins Stadion geht, wird sich noch fleißig gestärkt: „Unzählige Unioner essen und trinken noch ganz in Ruhe.“ Dann sind die Männer endlich bereit. Aber erst mal kommt die große Geduldsprobe: Anstehen am Einlass zum Stadion. „Es werden immer wieder Lieder angestimmt“, berichtet Mitja, „die Stimmung bei den Fans steigt“.

Einmal mehr kippt die Laune bei den Unionern: Die Einlasskontrollen am Stadion sind am Mittwoch besonders streng! „ Es geht für die Fans nur schleppend vorwärts“, erklärt Mitja. Die Stimmung wird dadurch etwas angespannter ... Aus Protest verzichten am Ende sogar rund 300 Union-Anhänger, trotz Ticket ins Bernabéu-Stadion von Real Madrid zu gehen. Der Grund: Sie durften ihre Utensilien nicht mit hineinnehmen.

Das Bernabéu-Stadion in Madrid um kurz vor 18 Uhr. Die Ränge füllen sich langsam mit Real- und Union-Fans.
Das Bernabéu-Stadion in Madrid um kurz vor 18 Uhr. Die Ränge füllen sich langsam mit Real- und Union-Fans.Privat

Aber Mitja lässt sich von all dem Drama nicht die Laune vermiesen. Er betritt um 17.56 Uhr voller Vorfreude das Stadion. Beim Anblick  der legendären Halle kann er nur schwärmen: „Wahnsinn.“ Um ihn herum füllt sich langsam der Gäste-Fanblock: „Die Stimmung unter den Unions-Fans ist super. Mitja denkt aber, dass noch nicht alle Fans im Stadion sind. „Ansonsten wäre hier noch mehr los“, meint er.

Mitja Lobedan im Bernabéu-Stadion. Er berichtet für den KURIER vom ersten Champions-League-Match von Union Berlin gegen Real Madrid.
Mitja Lobedan im Bernabéu-Stadion. Er berichtet für den KURIER vom ersten Champions-League-Match von Union Berlin gegen Real Madrid.Privat

Gänsehaut beim Erklingen der Champions-League-Hymne

Volle Ränge bis unter das Dach im Bernabéu-Stadion von Madrid. Mehr als 81.000 Fans passen hier rein.
Volle Ränge bis unter das Dach im Bernabéu-Stadion von Madrid. Mehr als 81.000 Fans passen hier rein.Privat

Dann ist es endlich so weit – das Spektakel beginnt! „Gänsehaut beim Erklingen der Champions-League-Hymne. Zum ersten Mal für Union“, freut sich Mitja. Anstoß ist um 18.45 Uhr. Es folgt eine nervenzerreißende erste Halbzeit. „Die ersten 45 Minuten sind geschafft“, berichtet Mitja aus dem Real-Stadion, „und es steht 0:0“. Der 1. FC Union kann auswärts gegen Real Madrid überraschend gut mithalten. Die Fans vor Ort könnten nicht stolzer sein. Kurz vor Schluss – um 20.40 Uhr – steht es immer noch 0:0. Der Union-Fanblock beginnt langsam zu träumen: Schaffen ihre Köpenicker Jungs es tatsächlich, das Unentschieden zu halten?

 Doch schon eine Minute später zerplatzt der Traum: Jude Bellingham erzielt das 1:0 für Real Madrid. „Schade“, kommentiert Mitja aus Madrid. „Ärgerlich, in der 94. Minute das Tor zu bekommen. Das Unentschieden wäre verdient gewesen. Nun heißt es, die Mannschaft zu feiern.“ Für Mitja steht fest: Eigentlich ist das keine Niederlage. Dass Union überhaupt in der Champions League spielt, ist Sieg genug. Außerdem: „Gegen Real Madrid mit 1:0 zu verlieren, ist keine Schande … ganz im Gegenteil“, findet der Templiner. 

Mit gemischten Gefühlen und Tausenden Eindrücken will Mitja sich langsam auf den Weg nach Hause machen. Aber: „Wir müssen im Block bleiben, bis uns die Polizei hinausbegleitet … Das kann dauern.“ Und wie geht es für ihn weiter? „Wenn wir aus dem Stadion sind, geht es Richtung Flughafen, von wo wir um 3.30 Uhr zurückfliegen werden nach Berlin – und das erhobenen Hauptes.“