Absicht oder Versehen?

Frau serviert Schwiegereltern Giftpilze zum Mittagessen: Drei Tote

Die Polizei steht vor einem Rätsel: Hat eine junge Frau versucht, ihre Gäste zu vergiften? Fakt ist: Drei ältere Menschen sind tot.

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Ist Erin Patterson eine skrupellose Mörderin oder wird sie zu Unrecht verdächtigt?
Ist Erin Patterson eine skrupellose Mörderin oder wird sie zu Unrecht verdächtigt?Privat

Selbst Hollywood hätte diesen Krimi nicht besser inszenieren können: Eine Australierin lädt ihre Ex-Schwiegereltern und ein weiteres Ehepaar zum Mittagessen ein. Und sie tischt ordentlich auf: Es gibt Beef Wellington. Rinderfilet in einem knusprigen Blätterteig-Mantel. Als Beilage serviert sie Pilze. Am Ende sind drei Gäste tot, der vierte überlebt nur um Haaresbreite.

Als die Polizei die Ermittlungen aufnimmt, stellt sich heraus, dass Erin Patterson mit ihrem vermeintlichen Gaumenschmaus hochgiftige Knollenblätterpilze servierte. Eine durch diese verursachte Vergiftung ist extrem qualvoll und meistens endet diese tödlich. Doch wie die Giftpilze in das Essen kamen, ist laut Ermittlern noch unklar. Erin Patterson beteuert ihre Unschuld.

Giftige Knollenblätterpilze zum Mittag

Schon Krimi-Autorin Agatha Christie soll einmal gesagt haben: „Wenn irgendwo Pilze schmoren, wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“ Und so wird Erin Patterson, die das fatale Mittagessen zubereitet hat, von der Polizei als Verdächtige gehandelt. „Die Ermittler der Mordkommission müssen der Beweislage so lange folgen, bis sie zu einer Schlussfolgerung kommen, die alle anderen Szenarien ausschließt“, erläutert der Kriminalreporter John Silvester in der Zeitung The Age. Und das kann dauern, wie die Polizei des Bundesstaates Victoria selbst zugab.

Die Schwiegereltern von Erin: Gail und Don Patterson
Die Schwiegereltern von Erin: Gail und Don PattersonPrivat

Erin Patterson ist auf freiem Fuß, und die Behörden halten sich bislang bedeckt mit dem Stand ihrer Ermittlungen. Die 48-Jährige hat beteuert, sie wolle der Polizei bei der Klärung helfen. Über ihre Anwälte ließ sie den Ermittlern schriftlich ihre Version der Ereignisse zukommen.

„Ich bin am Boden zerstört, wenn ich daran denke, dass diese Pilze zur Erkrankung meiner Lieben beigetragen haben könnten. Ich möchte wiederholen, dass ich absolut keinen Grund hatte, diese Menschen, die ich liebte, zu verletzen“, zitierte die australische ABC im August exklusiv aus der Erklärung. Zudem habe es sich um die Großeltern ihrer beiden Kinder gehandelt, die Beziehung sei auch nach der Trennung von ihrem Ex-Mann Simon eng gewesen.

Erin Patterson ist auf freiem Fuß

Aber was ist an jenem verhängnisvollen Tag im beschaulichen Örtchen Leongatha, zwei Autostunden südöstlich von Melbourne, genau passiert? Es ist der 29. Juli, als Patterson die Eltern ihres Ex-Mannes sowie ein älteres Ehepaar zum Mittagessen in ihr Haus einlädt. Bei den Gästen handelt es sich um Gail und Don Patterson, beide 70 Jahre alt, sowie um Gails Schwester Heather Wilkinson (66) und ihren Mann Ian Wilkinson (68). Später erklärt die Köchin, dass sie das Filet Wellington sowohl mit frischen Champignons aus einem Supermarkt als auch mit getrockneten Pilzen aus einem Asia-Shop zubereitet habe.

Der Pastor Ian Wilkinson und seine Frau Heather Wilkinson. Er überlebte als Einziger.
Der Pastor Ian Wilkinson und seine Frau Heather Wilkinson. Er überlebte als Einziger.Privat

Forensische Tests ergaben nun aber zweifelsfrei, dass es sich stattdessen um Giftpilze handelte, wie verschiedene Medien in dieser Woche berichteten – allem Anschein nach um den berüchtigten Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), auch „Todeskappe“ genannt.

Als die Gäste Stunden später ahnungslos nach Hause fahren, breitet sich das tödliche Toxin bereits in ihren Körpern aus und zielt auf Leber und Nieren. Die Daily Mail Australia zitierte einen Mediziner mit den Worten, es handele sich um „ein sehr cleveres Gift“, weil es den Körper einer Person auf geradezu katastrophale Weise angreife und im Wesentlichen „die Leber zum Schmelzen bringt“.

Die Webseite Pilzlexikon.eu schreibt: „Der Grüne Knollenblätterpilz gilt als der Giftpilz schlechthin, denn nicht umsonst gehen über 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen auf sein Konto.“ Das Heimtückische sei, dass die Organe schon irreversibel geschädigt seien, wenn erste Symptome aufträten. Der Todeskampf ist extrem schmerzhaft, und ein Gegenmittel ist nicht bekannt. Das Perfide: Knollenblätterpilze sollen gut schmecken, wie Überlebende berichten.

Besonders giftig: der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) 
Besonders giftig: der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

In der Nacht klagen alle vier Lunch-Gäste über schwere Bauchkrämpfe, die so schlimm werden, dass sie ins Krankenhaus müssen. Zunächst denken die Ärzte an eine normale Lebensmittelvergiftung, aber der Zustand der Patienten verschlechtert sich zusehends. Innerhalb von einer Woche sind Gail und Don Patterson sowie Heather Wilkinson tot. Ian Wilkinson kämpft fast zwei Monate lang um sein Leben. Erst vor wenigen Tagen konnte er das Krankenhaus verlassen.

Alle fragen sich: Warum wurde Erin Patterson nicht krank?

Die Augen der Öffentlichkeit richten sich sofort auf Erin Patterson. Denn alle fragen sich: Warum wurde sie nicht krank? Journalisten positionieren sich vor ihrem Haus. Schließlich tritt sie am 7. August vor die laufenden Kameras. In Tränen aufgelöst sagt sie, die Verstorbenen gehörten zu „den besten Menschen, die ich je getroffen habe“. Sie habe keine Ahnung, was passiert sein könnte. Gleichzeitig bestreitet sie jedes Fehlverhalten: „Ich habe nichts getan, ich liebe sie und ich bin am Boden zerstört, dass sie weg sind.“

Erin Pattersons Ex-Mann Simon
Erin Pattersons Ex-Mann SimonPrivat

Was viele verwundert: Erst in ihrem Schreiben an die Polizei einige Tage später macht sie klar, dass sie ebenfalls Symptome gehabt habe. Am 30. Juli sei sie mit starken Magenschmerzen und Durchfall ins Krankenhaus gekommen, wo sie eine Infusion und ein „leberschützendes Medikament“ erhalten habe. Laut ABC haben die Gesundheitsbehörden bestätigt, dass insgesamt fünf Personen mit Vergiftungserscheinungen behandelt wurden. Dennoch klingen die Spekulationen samt angeblich immer neuer Wendungen in dem Fall nicht ab.

Während das tödliche Mittagessen die Justizbehörden wohl noch länger beschäftigen wird, seien die Pilzverkäufe im Land deutlich zurückgegangen, wie Medien Georgia Beattie zitierten, Vorsitzende des Verbandes der australischen Pilzbauern. Es sei aber unmöglich, dass Knollenblätterpilze in die Lieferkette eines Supermarktes gelangten: Sie können laut Beattie auf kommerziellen Champignonfarmen gar nicht gedeihen, sondern nur in der Natur. Die Giftpilze leben in Symbiose mit Bäumen, mit denen sie lebensnotwendige Stoffe austauschen. Bis das Rätsel gelöst ist, bleibt aber ein mulmiges Gefühl.