Wie ist die Lage jetzt?

60.000 Migranten, Chaos und „Apokalypse“: So sieht es jetzt in Ceuta aus

Tausende Migranten erreichten innerhalb kürzester Zeit Ceuta. Anwohner berichteten von chaotischen Zuständen, inzwischen hat sich die Lage verändert.

Author - Florian Thalmann
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Menschen liegen nach der Ankunft in Ceuta erschöpft auf den Straßen: Der Sturm auf Ceuta stürzte die Exklave in unhaltbare Zustände. Innerhalb von 24 Stunden kamen zwischen 50.000 und 60.000 Menschen aus Marokko. Zur genauen Zahl gibt es unterschiedliche Angaben.
Menschen liegen nach der Ankunft in Ceuta erschöpft auf den Straßen: Der Sturm auf Ceuta stürzte die Exklave in unhaltbare Zustände. Innerhalb von 24 Stunden kamen zwischen 50.000 und 60.000 Menschen aus Marokko. Zur genauen Zahl gibt es unterschiedliche Angaben.Marcos Moreno/imago

Der Ansturm von Migranten aus Marokko auf den spanischen Ort Ceuta – er hat am Donnerstag und am Freitag für heftige Meldungen gesorgt. Laut Schätzungen gelangten 60.000 Menschen innerhalb kürzester Zeit aus dem afrikanischen Land in die spanische Exklave Ceuta, mehr als 57 Menschen kamen bei dem Ansturm ums Leben. Der Ansturm sorgte für unhaltbare Zustände, denn Ceuta hat eigentlich nur 85.000 Einwohner. Bewohner sprachen von einer Apokalypse und schwanken zwischen Angst und Mitleid mit den Menschen, die hier ein besseres Leben suchen. Wie ist die Lage jetzt?

60.000 Menschen kamen in 24 Stunden nach Ceuta

Schon am Donnerstag gab es erste Meldungen zu dem Ansturm von Migranten auf die Exklave Ceuta. Demnach kamen viele Menschen auf dem Seeweg nach Ceuta. Zunächst war am Freitag von 49.000 Menschen die Rede gewesen, später wurde die Zahl auf 60.000 korrigiert. Etliche kamen beim Versuch, nach Ceuta zu gelangen, ums Leben: Die spanische Guardia Civil barg zahlreiche Leichen aus dem Meer. Die Menschen ertranken, als sie versuchten, Ceuta schwimmend zu erreichen. Zuletzt war von mindestens 57 Toten die Rede.

Diejenigen, die es nach Ceuta schafften, feierten – doch zugleich stürzte die Stadt für kurze Zeit ins Chaos. Schockierende Berichte schildern die Sicht der Anwohner auf die Krise. „Es ist wie eine Apokalypse. Überall Wellen von Menschen“, sagte ein Mann laut einem Bericht der britischen Zeitung „The Sun“.

Menschen würden in den öffentlichen Brunnen baden und auf den Straßen übernachten. Ein anderer Bewohner von Ceuta sagte: „Wir haben Angst. Die Straßen sind voller Menschen. Es gibt keinerlei Maßnahmen. Jeder ist auf sich allein gestellt. Niemand hilft uns.“

Dutzende Migranten, die die Grenze zwischen Ceuta und Marokko überquert haben, schliefen auf den Straßen.
Dutzende Migranten, die die Grenze zwischen Ceuta und Marokko überquert haben, schliefen auf den Straßen.Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa

Auch ein Anwalt, der in Ceuta lebt, meldete sich in einer Zeitung zu Wort. „Wir erleben eine vollständige Aufgabe durch unsere Regierung.“ Überall seien Menschen. „Ich verstehe, dass diese jungen Migranten gekommen sind, um ein besseres Leben zu suchen. Dafür gibt es jedoch legale Wege, die sowohl ihnen als auch uns Sicherheit bieten. Was wir nicht akzeptieren können, ist eine Stadt, die komplett überrannt wurde, während Menschen auf der Straße hungern.“ Es gebe in Ceuta nicht einmal genügend Toiletten. „Deshalb verrichten manche ihre Notdurft auf den Straßen, wo immer sie können.“

Geschäfte schlossen, Niemand kam in Ceuta an Brot

Denn auch die Geschäfte schlossen – und sowohl die Anwohner als auch die in Ceuta angekommenen Marokkaner hatten am Freitag keinen Zugang zu Lebensmitteln. „Uns geht das Brot aus. Heute gab es kein frisches Brot, weil die Bäckereien geschlossen sind“, sagte ein Mann, der in Ceuta bei der städtischen Straßenreinigung arbeitet, am Freitag. Zudem sei die Angst umgegangen, dass sich die Migranten in ihrer Not Zugang zu Häusern und Wohnungen verschaffen könnten, um Wasser oder Nahrung zu erbitten.

Migranten überqueren die Grenze von Marokko in die spanische Exklave Ceuta. Wer es auf die Insel schaffte, der feierte.
Migranten überqueren die Grenze von Marokko in die spanische Exklave Ceuta. Wer es auf die Insel schaffte, der feierte.Antonio Sempere/AP/dpa

Viele Anwohner haben auch weniger Angst, sondern mehr Mitleid mit den Menschen, die über die Grenze kamen. So sagte eine Anwohnerin, sie habe keine Zwischenfälle erlebt. Ein Mann habe sie nur um trockene Kleidung gebeten – und sei sehr dankbar gewesen, als sie ihm etwas zum Anziehen überließ.

„Trotzdem bleibt das aus humanitärer Sicht eine erschütternde Situation“, sagte sie gegenüber „Euronews“. „So viele Menschen ohne einen Ort, an dem sie sein können, ohne Essen, ohne Trinken, weil die wenigen Dienste, die dafür eingerichtet sind, völlig überfordert sind.“

Ansturm auf Ceuta löste sich über Nacht auf

Doch über Nacht scheint sich der Sturm auf Ceuta erstaunlich schnell aufgelöst zu haben: Nach Angaben des spanischen Innenministeriums sollen sich plötzlich nur noch 1700 der Migranten in Ceuta befinden. Schon bis 18 Uhr am Freitag habe es über 48.300 Abreisen gegeben. Laut Berichten sei vielen auch klar geworden, dass es von Ceuta aus nicht in Richtung des europäischen Festlands weitergeht. Nach dem Ansturm öffneten die Geschäfte laut Berichten wieder, die Lage normalisierte sich laut ersten Berichten nach und nach.

Insgesamt seien es nur 50.000 Menschen gewesen, die ihren Weg in die Exklave fanden – die ursprüngliche Zahl von 60.000 wurde damit nach unten korrigiert. Unklar bleibt, wie es überhaupt so viele Menschen nach Ceuta schaffen konnten. Es gibt wohl Hinweise darauf, dass Sicherheitskräfte in Marokko die Menschen an der Grenze passieren ließen – möglich also, dass dahinter eine politische Botschaft aus Marokko steht und das Land Spanien unter Druck setzen wollte.