Der Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang steht seit Jahrzehnten auf der Bühne. Jetzt bringt die Potsdamer Band ihr 14. Album heraus – und wenn es nach Sänger Leisegang geht, wird es nicht das letzte sein.
Keimzeit eine klassische Ost-Band?
Die Band Keimzeit ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im Musikgeschäft und veröffentlicht jetzt mit „Ach, die Menschen“ ihr 14. Album.
Im Interview mit der dpa erzählt Sänger Norbert Leisegang (65), warum er keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet und ob er nach mehr als 30 Jahren den erfolgreichsten Song der Band überhaupt noch spielen mag.
Keimzeit, eine klassische Ostband? Klar. Keimzeit begann 1980 als Band Jogger, erst 1982 entstand der Name Keimzeit. Gegründet wurde sie von den Geschwistern Leisegang in Lütte, bei Bad Belzig in Brandenburg.
In der DDR war Keimzeit eine populäre Blues- und Rockband, nach der Wende wurde sie zum gesamtdeutschen Erfolg.

Mit poetischen Texten wie in „Irrenhaus“ (1990) und „Kling Klang“ (1993) prägte die Band den Sound der Nachwendezeit. In den 1980er-Jahren war die Band in der DDR noch mit bis zu fünfstündigen Konzerten, die oft mit Volleyballspielen gegen das Publikum endeten, vor allem im Berliner Umland bekannt gewesen.
Mit dem 1990 erschienenen Debütalbum „Irrenhaus“ gelang Keimzeit bundesweit der Durchbruch. „Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament, selber schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt“, heißt es in dem Lied.
Man gibt sehr oft Unsinn von sich
Doch auf die Frage, ob sich Künstler überhaupt politisch oder gesellschaftskritisch äußern sollten, sagt Leisegang: „Ich kann nur für mich sprechen. Wenn man im gesellschaftlichen oder im philosophischen oder auch im politischen Leben kein Grundwissen hat, dann gibt man sehr oft Unsinn von sich. Und das möchte ich natürlich vermeiden. Das sollten Künstler grundsätzlich vermeiden.“
Außerdem fände er Dinge, die um ihn herum passieren, und die zum großen Teil unpolitisch sind, hochinteressant. „Auch interessanter als alles, was ich mir aneignen könnte.“
Und dennoch wird Norbert Leisegang immer wieder gefragt, wie sich das Publikum in Ost und West unterscheidet.
Ob Köln oder Leipzig, es kommen aufmerksame Leute
Das sei eine klassische Frage: Wie ist das hier im Osten, wie ist es im Westen? „Sie wird mir nicht nur von den Medien immer wieder gestellt, sondern auch aus dem Publikum heraus“, sagt Leisegang.
Er sage dann: „Koffer gepackt und kommt dort hin! Leute, die sich auf den Weg machen, um ein Keimzeit-Konzert zu besuchen, werden feststellen, dass es von der Grundstimmung genau das Gleiche ist – ob das nun in Köln ist oder in Leipzig. Es kommen aufmerksame Leute ins Konzert.“

Rente kommt für Keimzeit nicht infrage
Und das auch noch nach vielen Jahrzehnten. Keimzeit-Fans sind treu. Und auch für die Band kommt die Rockerrente noch lange nicht infrage. Norbert Leisegang ist 65 Jahre alt.
Wenn es danach geht, hätte man ans „Aufhören schon ab 27 nachdenken müssen“, sagt Leisegang. „Wenn man jung ist, und so war das auch bei Keimzeit, hat man einen ganz anderen Ausdruck und einen ganz anderen Klang als Band und als Sänger, als wenn man dann 66 ist.“
Wenn es danach gegangen wäre, hätte man schon mit Ende 20, Anfang 30 alles niederlegen müssen. „Ich habe allerdings mit der Entscheidung, Sänger in einer Band zu sein, meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Ich kann mich mit dem Schreiben von Songs therapieren, mich am Leben erhalten. Insofern denke ich nicht im Geringsten an eine Ruhezeit und bin glücklich, solange es diese Band gibt.“
„Sehe uns nicht auf ‚Kling Klang‘ reduziert“
Diese Band, Keimzeit, kennen die meisten Menschen wohl wegen des Hits „Kling Klang“ von 1993. Das Lied prägte ein ganzes Lebensgefühl von Aufbruch nach der Wende. Doch auf Kling Klang reduzieren lässt sich Keimzeit nicht. Für Norbert Leisegang ist es kein Problem, dass man die Band mit dem Song in Verbindung bringt.
„Ich denke, die Handschrift von Keimzeit ist auch bei ‚Kling Klang‘ zu erkennen. Dass relativ viele Leute genau diesen Song ins Herz geschlossen haben, daran hat ja keiner Schuld.
Man kann möglicherweise überdrüssig werden und das war ich auch schon hin und wieder. Aber ich sehe uns nicht reduziert auf ‚Kling Klang‘.“ Den Erfolg des Songs erklärt sich Leisegang mit dem Gefühl, das man damals eingefangen habe.
Kein Keimzeit-Konzert ohne „Kling Klang“
„Ich habe mir im Übrigen, was den Text angeht, gar keine großen Gedanken gemacht. Das musste irgendwie klingen, es musste singbar sein. Dann ist es beinahe ein Schlager geworden, was ich eigentlich ungern tue, aber ich konnte es nicht verhindern.
Es ist ein Zauber, ein Mysterium, dass der eine oder andere Song eine so große Resonanz erfährt. Ich kann es nicht erklären.“ Noch heute gibt es beinahe kein Keimzeit-Konzert ohne „Kling Klang“.
Auftritt in einem D-Zug aus der DDR
Mit etwa 40 Auftritten quer durch die Republik ist die Band nach wie vor gut beschäftigt. „Im Sommer sind wir bei der Hanse Sail dabei. Wir fahren mit der Kieler Hansekogge auf die Ostsee raus und spielen viermal. Ende Juni fahren wir in einem wiederhergestellten D-Zug aus den 60er-Jahren von Dresden nach Cottbus und geben ein Konzert.“
Auch das 14. Album trägt ganz eindeutig die Keimzeit-Handschrift. „Wir beleuchten Themen textlich, die so nicht in der ersten Reihe stehen, wenig politisch und wenig gesellschaftskritisch sind, sondern einfach die Dinge, die unter ganz normalen Menschen täglich stattfinden.“
Der Sänger Norbert Leisegang (65) gründete zu DDR-Zeiten mit seinen drei Geschwistern die Band Jogger, aus der Keimzeit hervorging. Aus der Anfangszeit ist nur noch sein Bruder Hartmut am Bass in der Band dabei. Leisegang lebt in Potsdam.





