„Ohne Vergebung und Versöhnung findet man keine Lebensqualität, das gilt in der Ehe wie in der Gesellschaft“, sagte Pastor Uwe Holmer einmal in einem Interview. Er würde das, was er tat, wieder tun. Berühmt wurde der Pastor 1990, als er in Lobetal nach dem Zusammenbruch der DDR Erich und Margot Honecker im Kirchenasyl im Obergeschoss seines Pfarrhauses beherbergte. Jetzt ist der evangelische Theologe Uwe Holmer im Alter von 94 Jahren gestorben.
Wie Holmer zu seinem eigentlich ungeliebten Gast Honecker und seiner Frau Margot kam, erzählte er später oft in Interviews. Holmer kann sich noch gut an die ersten Momente erinnern, als die Honeckers im Schutz der Dunkelheit am Abend des 30. Januar 1990 in Lobetal im Pfarrhaus eintrafen.
DDR-Chef Honecker am Abendbrottisch beim Pfarrer
„Der Chefarzt, der ihn operiert hat, war auch dabei und sagte zu mir: ‚Versuchen Sie mit ihm an die frische Luft zu gehen, er ist wirklich noch krank, braucht frische Luft und Ruhe.‘ Dann waren alle weg. Dann sagte ich zu Honeckers: ‚Wir essen jetzt Abendbrot, bitte kommen Sie zu Tisch.‘“ Als Uwe Holmer das Tischgebet spricht, falten auch die Honeckers die Händen und senken den Kopf.
Die damalige DDR-Regierung hatte keine andere Möglichkeit gesehen, den Ex-Staatschef vor Gewalt und dem aufgebrachten Volk zu schützen, als ihn in die Obhut des Kirchenmannes zu geben. Zehn Wochen lang kam der kranke Erich Honecker mit seiner Frau Margot im brandenburgischen Lobetal unter.
Der Pastor leitete in der Nähe von Bernau die Hoffnungstaler Anstalten. 1200 Bewohner und 500 Mitarbeiter befanden sich in dem Kirchendorf, das sich vor allem um die Patienten des Lobetaler Fachkrankenhauses für Neurologie, Psychiatrie und Epileptologie, früher auch um Obdachlose kümmerte.
Ex-DDR-Chef Honecker wurde mit dem Tode bedroht
„Angst hatte ich damals nicht“, sagte Holmer in einem Interview. Nach der zweiten Bombendrohung meldeten sie es noch nicht einmal mehr der Polizei. Zehn Wochen lang lebten in Lobetal Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Uwe Holmer war 1990 60 Jahre alt und hatte zehn Kinder. Die meisten von ihnen waren schon aus dem Haus, sodass Erich Honecker als alter, kranker Mann nach 18 Jahren als SED-Chef in die Kinderzimmer einziehen konnte.
Nach der Auflösung der DDR-Politikersiedlung in Wandlitz und nach einem Klinikaufenthalt hatte Honecker keine Bleibe mehr gehabt. Honecker-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel hatte daraufhin die Idee, den ungeliebten Staatschef bei der Kirche unterzubringen. Man erhoffte sich, dass das Volk dort seinem Zorn nicht freien Lauf lassen würde. Die Angst vor Lynchjustiz war real.
Darum nahmen sie den DDR-Staatschef Honecker auf
Die Entscheidung, den Ex-Staatschef aufzunehmen, machten sich Holmer und seine Mitarbeiter nicht leicht. Doch schließlich siegte das Gebot der Nächstenliebe: „Wir beten jeden Sonntag um Vergebung, dann müssen wir das auch tun“, fasste Uwe Holmer seine Überlegungen und die seiner Mitarbeiter damals zusammen. Die Honeckers zogen ins Pfarrhaus ein.
Und der Plan geht auf. Die Mitarbeiter in Lobetal können so manchen aufgebrachten Besucher besänftigen. „Manch einer ist damals mit Wut im Bauch zu uns gekommen, aber mit Verständnis wieder gefahren“, erinnert sich Holmer.
In seinen Lebenserinnerungen schreibt Holmer 2009, dass zehn seiner Kinder in der DDR kein Abitur machen durften. Begründung: keine FDJ, keine Jugendweihe, Verweigerung des Wehrunterrichts. Der gemeinsamen Sache mit den Honeckers widmet er zwei Buchseiten, vielleicht, weil es etwas Selbstverständliches für ihn ist, Asylsuchenden Obdach und Schutz zu gewähren.

Pastor Uwe Holmer mit 60 Enkeln und Urenkeln
Den Pastor hält bis ins hohe Alter die Familie mit mehr als 60 Enkeln und Urenkeln auf Trab. Er hielt weiter Andachten für Alkohol- und Suchtkranke in Serrahn, bis er schwer erkrankt. Sein Buch „Der Mann, bei dem Honecker wohnte“ ist rund 20.000 Mal verkauft worden. Jan-Josef Liefers verfilmte die Geschichte fürs Fernsehen.
Erich Honeckers Odyssee nach dem Ende der DDR ist nach dem Kirchenasyl bei Uwe Holmer nicht zu Ende: Bis April 1990 lebt er in Lobetal, bis er zur Behandlung im sowjetischen Militärkrankenhaus Beelitz abreist und im März 1991 nach Moskau ausgeflogen wird.
Ein gutes Jahr später kehrt er 1992 zurück nach Berlin und kommt ins Gefängnis in Moabit. Nach 170 Tagen in Untersuchungshaft wird er schwer krank entlassen und fliegt nach Chile zu seiner Frau Margot. In Chile schließlich stirbt Honecker im April 1994.



