106 Mark für drei Zimmer

100 Jahre Plattenbau: „Das hier ist ein Paradies“

Zu DDR-Zeiten war eine Neubauwohnung der Sechser im Lotto, heute gelten viele der Viertel am Berliner Stadtrand als soziale Brennpunkte.

Author - Paula Hitzemann
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Früher waren sie schick und begehrt, heute zählen die Platten-Siedlungen am Stadtrand zu den ärmeren Vierteln Berlins.
Früher waren sie schick und begehrt, heute zählen die Platten-Siedlungen am Stadtrand zu den ärmeren Vierteln Berlins.Soeren Stache

Zehn Geschosse, weiß-graue Fassade, dazwischen Grünflächen. Drinnen, in einer der erhaltenen Wohnungen: grüne Velour-Couch, Blumentapete, blau-weißes DDR-Geschirr, drei Zimmer mit Bad und Wanne. Hundert Jahre ist es her, dass in Friedrichsfelde die ersten Betonplatten aneinandergesetzt wurden. Aus der Idee wurden Millionen Wohnungen und für viele der schönste Umzug ihres Lebens. Die Häuser stehen noch, aber etwas hat sich verschoben: wer heute darin wohnt und warum.

100 Jahre Plattenbau: Alles begann in Ost-Berlin

Wer die erste Plattenbausiedlung Deutschlands sucht, landet nicht in Marzahn, sondern in Friedrichsfelde. In der Splanemann-Siedlung stehen kleine rote Häuser, zwei Geschosse, spitze Dächer, Sprossenfenster, Vorgärten. Nach Betonklotz sieht das nicht aus, eher nach Reihenhaus. Und doch steckt hinter den roten Fassaden schon 1926 genau jene Technik, die Wohnviertel in Ost und West bis heute prägt: große vorgefertigte Betonplatten, schnell und billig zusammengesetzt. Die Platte wird in diesem Jahr 100!

Hier hat alles begonnen: In der Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde entstand 1926 die erste Plattenbausiedlung Deutschlands.
Hier hat alles begonnen: In der Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde entstand 1926 die erste Plattenbausiedlung Deutschlands.Jens Kalaene

Groß wurde das Verfahren erst ab den 70er Jahren, vor allem in der DDR, etwa in Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt oder Leipzig-Grünau. Gebaut wurde auch im Westen, in München-Neuperlach oder Köln-Chorweiler. Damals galten sie als schick und modern, die Wohnungen waren begehrt.

Heute gelten die Blöcke oft als Problemviertel. 1973 versprach die DDR-Führung, den Wohnungsmangel bis 1990 zu beenden. Das Wohnungsbauprogramm sah drei Millionen Wohnungen vor. Neubau hieß das damals, nicht Plattenbau. Günstig war die Bauweise, und vor allem schnell: Für den Ausbau einer Wohnung sollen 18 Stunden gereicht haben.

Warum die Platte so beliebt war

„Eine Plattenbauwohnung war der Sechser im Lotto", sagt Sören Marotz, Historiker und Ausstellungsleiter des DDR-Museums in Berlin, der Deutschen Presse-Agentur. Rund 106 Mark habe eine Dreiraumwohnung im Monat gekostet, Kündigungsschutz inklusive.

In Marzahn-Hellersdorf ist eine Wohnung der Serie WBS 70 im Originalzustand erhalten, samt blau-weißem DDR-Geschirr.
In Marzahn-Hellersdorf ist eine Wohnung der Serie WBS 70 im Originalzustand erhalten, samt blau-weißem DDR-Geschirr.Soeren Stache

Dafür bekam man Dinge, die heute selbstverständlich klingen und es damals nicht waren: Zentralheizung, warmes Wasser aus dem Hahn, ein Bad mit Wanne. Gebaut wurde luftig, deshalb fällt oft gar nicht auf, dass man zwischen Hochhäusern steht. 

Viele Altbauwohnungen waren dagegen in schlechtem Zustand, mussten mit Kohle beheizt werden und hatten das Klo auf der Treppe.

Ein Bezirk, 100.000 Wohnungen

Der häufigste Typ war die Wohnbauserie 70, kurz WBS 70. Die erste dieser Wohnungen entstand laut Marotz 1973 in Neubrandenburg. In Marzahn-Hellersdorf ist eine WBS-70-Wohnung mit drei Zimmern, Küche und Bad als Mini-Museum im Originalzustand erhalten. Grüne Velour-Couch, Blumentapete, blau-weißes DDR-Geschirr. Das Interieur hat sich in den meisten Wohnungen längst geändert, die Häuser stehen noch.

Nach Angaben der Bezirksverwaltung ist Marzahn-Hellersdorf die größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas, rund 100.000 Wohnungen gehören dazu. Zwei Drittel der Menschen im Bezirk leben demnach in einer Neubausiedlung.

100.000 Wohnungen in einem Bezirk: Marzahn-Hellersdorf gilt als größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas.
100.000 Wohnungen in einem Bezirk: Marzahn-Hellersdorf gilt als größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas.Soeren Stache

Michael, 59, trägt seine Einkäufe ins Treppenhaus eines zehngeschossigen Blocks mit weiß-grauer Fassade. Von außen sieht er aus wie viele hier, doch die Adresse ist eine besondere: In der Marchwitzastraße entstand 1977 die erste Plattenbauwohnung des heutigen Bezirks.

Deniz Evrenüz wohnt in der Marchwitzastraße in Marzahn.
Deniz Evrenüz wohnt in der Marchwitzastraße in Marzahn.Soeren Stache

„Das hier ist ein Paradies", sagt er. Sehr ruhig sei es und die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln trotzdem super. Zwei Jahre stand er auf der Liste der Wohnungsgenossenschaft. Für 80 Quadratmeter zahlt er heute 700 Euro. „Der Mietspiegel ist hier ein anderer", sagt der 59-Jährige. Ein paar Häuser weiter wohnt Deniz Evrenüz in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon, die Miete übernimmt das Amt.

Der günstige Preis hat eine Kehrseite

Genau hier, in diesem „Paradies“, hat sich etwas verschoben. „Heute gehören die peripheren Plattenbausiedlungen zu den ärmeren Vierteln der Stadt", sagt der Soziologe Matthias Bernt vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung. Viele ziehen wegen der niedrigen Mieten hierher, andere, weil ihnen nichts anderes bleibt.

Aus dem Sechser im Lotto von 1973 ist damit in 50 Jahren etwas anderes geworden: eine der letzten Adressen in Berlin, an denen 80 Quadratmeter noch bezahlbar sind, und gleichzeitig ein Viertel, in dem viele nicht aus freier Wahl wohnen.

Liebe Leser, wie empfinden Sie das Leben im Plattenbau? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com.