Ex-Kanzlerin über Blick auf DDR-Vergangenheit

Das war für Angela Merkel „wie ein Schlag in die Magengrube“

In ihrem ersten TV-Interview nach Ende ihrer Kanzlerschaft zeigte sich die 69-Jährige auch verletzlich  

Author - Claudia Pietsch
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Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel gab dem ZDF-Journalisten Mitri Sirin ein sehr persönliches Interview. 
Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel gab dem ZDF-Journalisten Mitri Sirin ein sehr persönliches Interview. Mirko Schernickau/ZDF

Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich mit öffentlichen Auftritten seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft im Jahr 2021 sehr zurückgehalten. Dem ZDF-Moderator Mitri Sirin gab sie für eine Dokumentation zum 33. Jahrestag der deutschen Einheit das erste TV-Interview seit langer Zeit. Darin äußerte sie sich auch zu sehr persönlichen Fragen. Und sie berichtete, was ihr einen „Schlag in die Magengrube“ versetzt hat. 

Zunächst erläuterte die 69-Jährige ihre Zurückhaltung bei Äußerungen zu ihrer ostdeutschen Prägung während ihrer Regierungszeit. Mit Blick auf ihre Rede zum Tag der deutschen Einheit 2021 in Halle an der Saale sagte sie: „Ich hätte so eine persönliche Bemerkung in meiner Amtszeit, wenn es da nicht zum Ende hin gegangen wäre, wahrscheinlich nicht gemacht, weil ich mich immer als Kanzlerin aller Deutschen verstanden habe.“

Diese persönliche Bemerkung zu Ostdeutschland habe ihr aber gezeigt, dass „das Gespräch darüber auch immer wieder zu führen“ ist. Merkel äußerte sich in der Dokumentation „Am Puls mit Mitri Sirin“, die am Einheitsfeiertag am (heutigen) Dienstag im ZDF-Programm (19.20 Uhr) zu sehen ist.

Ost-Vergangenheit als Ballast

In der Rede kurz vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft hatte Merkel am 3. Oktober 2021 von Beschreibungen  gesprochen, bei denen ihre ostdeutsche Vergangenheit als „Ballast“ ausgelegt worden sei. „Als zähle das Leben vor der Wende nicht - Ballast eben“, sagte sie in Halle. Im ZDF bekannte sie nun, das sei wie ein kleiner „Schlag in die Magengrube“ gewesen. Da habe sie sich „entkernt gefühlt“, weil was sie ausmache natürlich auch ihre Biografie und das „Aufwachsen in der DDR“ sei.

Man könne doch nicht von einem Menschen „irgendwas abtrennen“. Deshalb sei sie über die „Ballast“-Formulierung einfach „baff“ gewesen. Da müsse man „erstmal draufkommen“. Merkel wurde in Hamburg geboren, wuchs dann aber in der DDR auf. Als die Mauer fiel, war sie 35 Jahre alt. 

Man hatte Freunde und man hat gefeiert und Urlaub gemacht

Die Ex-Kanzlerin sieht einen Unterschied zwischen dem Staat DDR und dem persönlichen Leben dort. „Die DDR hat es trotz aller Versuche, Jugendliche immer wieder zu beeinflussen, natürlich nicht geschafft, die Familie zu ersetzen. Man hatte Freunde, man hat gefeiert, wir sind mit den Eltern in den Urlaub gefahren. Das waren ja alles Erlebnisse“, sagte sie und fügte hinzu: „Und dann gibt es noch die prägenden Erlebnisse durch den Staat. Ich meine, die Anwesenheit von Freiheit formt Menschen, aber die Abwesenheit von Freiheit formt sie ja auch.“ Sie habe immer auch darüber geredet, dass es einen Unterschied gebe „zwischen dem Staat DDR, dessen Überwindung wir natürlich alle begeistert gefeiert haben und einem persönlichen Leben, das ja in jedem Land mehr ist als nur die staatliche Struktur“.

Auf die Frage, wie es zu erklären sei, dass sie als Kanzlerin viel Missmut aus dem Osten Deutschlands erfahren habe, sagte Merkel: „Es gab einen Teil der Menschen, die sehr wütend auf mich waren. Das hat begonnen während der Zeit, als der Euro in Schwierigkeiten kam.“ Die Lage habe sich dann polarisiert, „als sehr viele Flüchtlinge zu uns kamen“.

Doch es sei nicht die Mehrzahl der Menschen in den neuen Bundesländern gewesen, die sie „angeschrien“ hätten, sondern „eine sehr radikale und auch laute und intolerante Gruppe.“ Es habe „etwas Bekümmerliches“, dass „der Lauteste den letzten Eindruck hinterlässt“ und die vielen Menschen, die sich gegen Intoleranz wehren, leiser seien und weniger zu Wort kämen.

Merkel sieht Vielfalt als Stärke

Auf die Frage, ob es Ostdeutsche und Menschen mit Migrationsgeschichte verbinde, dass ihnen ihre Herkunft gelegentlich als Makel ausgelegt werde, sagte Angela Merkel in dem Interview: „Es verbindet Menschen immer, die eine Minderheiten-Biografie haben“. Denn „es gibt eine Tendenz, den durchschnittlichen Lebenslauf für das Gegebene zu halten. Ich habe immer dafür plädiert, dass unsere Stärke die Vielfalt ist.“

Ob Deutschland bezogen auf die deutsche Einheit eine neue Erzählung brauche, die Zugewanderte mit einschließe, wurde die Ex-Kanzlerin auch gefragt. Angela Merkel sagte: „Es braucht diese Erzählung, es brauchte sie schon immer.“ In den vergangenen Jahren seien viele Menschen hinzugekommen, „die dauerhaft in unserem Land leben und noch nicht immer hier gelebt haben.“ Es sei „wieder eine neue Aufgabe, dass wir sie mit aufnehmen. Deutschland umfasst alle.“