Morgen ist Märchenstunde. Eine, bei der einem besonders in Köpenick warm ums Herz wird. Zumindest den meisten der inzwischen über 60.000 Mitglieder, die dieser in allerjüngster Vergangenheit verdammt erfolgreiche Verein mittlerweile hat. Vorgelesen wird im Fürstentum Monaco, im Grimaldi-Forum, von wo es einen herrlichen Blick aufs Mittelmeer gibt. Allein das schon ist atemberaubend. Manche, durch deren Adern rot-weißes Blut fließt, werden nahe der Schnappatmung sein. Viele können es noch immer nicht fassen, dass eine der 32 Kugeln mit einem Zettel gefüllt ist, auf dem der Name ihres Herzensvereins steht, der in die TV-Kameras gehalten, mit Pathos angesagt und an manchem Stammtisch mit ein wenig Trommelwirbel begangen wird: 1. FC Union Berlin.
Worauf sich der Verein, seine Anhänger, ganz Köpenick, große Teile Berlins und manche Gegenden Deutschlands seit dem 27. Mai, seit dem 1:0 im letzten Spiel der abgelaufenen Saison gegen Werder Bremen, freuen und von Tag zu Tag entgegenfiebern, wird nun konkret. Eines nur ist seit langem klar: Es wird ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Klubs, der als „die Schlosserjungs“ begann, bald darauf „Eisern“ wurde und im Lande eines viermaligen Welt- und dreimaligen Europameisters eine ziemlich coole Nummer geworden ist, geschrieben.

Anhänger, die einst mit den Rot-Weißen gebangt und gezittert haben, als es denen richtig dreckig ging, glauben es wahrscheinlich noch immer nicht oder erst, wenn am 19. oder 20. September die Champions-League-Hymne erklingt und Christopher Trimmel oder auch Rani Khedira (bis dahin wird der Wanderer zwischen den Strafräumen hoffentlich wieder fit sein) das Team als Kapitän auf den Rasen führt. Jeder will dabei sein, das eigentlich Unfassbare hautnah erleben, es einsaugen und für die Ewigkeit speichern. Im Handumdrehen waren die 40.000 Dauerkarten für die Heimspiele der Gruppenphase weg. Fast wie einst Bückware, die Eisern-Anhänger der ersten Jahre nicht so sehr aus den Kassenhäuschen vor dem Stadion, dafür umso mehr aus dem Alltag kennen.
Der Sturm in die Königsklasse des 1. FC Union kann schwindelig machen
Wer ein wenig Fantasie hat, und die hat ein eingefleischter rot-weißer Fan immer, könnte sich am Erfolg hochschaukeln und sagen: Neustrelitz war gestern, heute ist Neapel. Das passt genauso auf Ludwigsfelde und London, Babelsberg und Barcelona, Rathenow und Rom, Plauen und Paris, Münster und Manchester, Merseburg und Mailand, NSC Marathon und Madrid. Hier die Gegner von einst, da Europas Schwergewichte, mit denen es der 1. FC Union zu tun bekommen kann und wohl auch wird. Das ist eine Fallhöhe, bei der manchem schwindlig wird.
Nur wenige Vereine sind vor den Eisernen einen derart steilen Weg nach oben gegangen. Es mutet an, einen Achttausender ohne Sauerstoffreserven zu besteigen. Aus grauer Vorzeit, als die Champions League noch Europapokal der Landesmeister hieß, es nur K.o.-Runden gab und der Henkelpott nach lediglich neun Duellen (viermal Hin- und Rückspiel plus Finale) seinen Besitzer gefunden hatte, ist es zu einem beeindruckenden Durchmarsch gekommen, der danach nie wieder gelang und den es wohl nicht noch einmal geben wird.

Was dem 1. FC Union gelingt, ist nahezu einmalig. Nur auf der Insel gibt es ein noch erfolgreicheres Vorbild
Im Mutterland des Fußballs ist es passiert, Nottingham Forest hat alle zur Schnecke gemacht, erst in der heimischen Liga, dann zwei Jahre lang in Europa. Der Triumph im Zeitraffer: 1977 Aufstieg als Dritter (!) hinter den Wolverhampton Wanderers und dem FC Chelsea aus der damaligen Second in die First Division; 1978 als Aufsteiger Meister mit sieben (!) Punkten Vorsprung auf Titelverteidiger FC Liverpool, der gerade in Europa auf den Meisterthron geklettert war; 1979 Gewinn des europäischen Meistercups, gleich in Runde 1 wird Liverpool bei seiner Mission Titelverteidigung Henkelpott rausgekegelt; 1980 der zweite europäische Geniestreich. Auf dem Weg zu diesen Triumphen bleiben beim ersten Mal mit dem 1. FC Köln im Halbfinale (3:3, 0:1), beim zweiten Mal mit DDR-Meister BFC Dynamo im Viertelfinale (1:0, 1:3) und dem Hamburger SV im Endspiel (0:1) gleich drei deutsche Teams gegen Peter Shilton, Tony Woodcock und Trevor Francis auf der Strecke.


