Legende aus dem Osten

Die Frau mit den roten Haaren wird 50: Warum Kati Wilhelm dem deutschen Biathlon heute mehr fehlt als je zuvor

Ihr letztes Staffelgold ist inzwischen fast ein Vierteljahrhundert her – und nach dem enttäuschenden Olympiawinter in Antholz aktueller denn je.

Author - Sebastian Krause
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Kati Wilhelm feiert am 2. August ihren 50. Geburtstag.
Kati Wilhelm feiert am 2. August ihren 50. Geburtstag.imago sportfotodienst

Wer in den 2000er-Jahren einen Biathlon-Wettkampf im Fernsehen einschaltete, brauchte keine Startnummer, um sie zu erkennen. Der rote Zopf unter der Mütze war Markenzeichen, Wiedererkennungswert und ein kleines Stück Sportgeschichte. Am Sonntag (2. August 2026) wird Kati Wilhelm 50 Jahre alt.

Kati Wilhelm vereint zwei Geschichten

In ihrer Person laufen zwei Erzählungen zusammen: die einer Ausnahmeathletin, die in nur zehn Jahren alles gewann, was zu gewinnen war, und die einer Funktionärin, die heute an einem Wintersport arbeitet, dem gerade die Erfolge fehlen.

Von der Loipe in Steinbach-Hallenberg auf die olympische Bühne

Geboren wurde Kati Wilhelm am 2. August 1976 in Schmalkalden, aufgewachsen ist sie in Steinbach-Hallenberg im Thüringer Wald – dort, wo sie bis heute lebt. 1983, mit sieben Jahren, stand sie erstmals im örtlichen Trainingszentrum auf schmalen Skiern. Mit 14 wechselte sie an das Sportgymnasium Oberhof, 1995 machte sie dort ihr Abitur und ging anschließend zur Sportfördergruppe der Bundeswehr.

Ich war schon immer jemand, der die Initiative ergreift und nicht abwartet.

Kati Wilhelm, ehemalige Biathletin

Ihre erste olympische Erfahrung machte sie nicht mit dem Gewehr, sondern als Langläuferin: 1998 in Nagano lief sie mit der deutschen Staffel auf Platz fünf. Ein Podestplatz war in dieser Disziplin nicht in Sicht – und genau das wurde zur Chance. 1999 entschied sie sich für den Wechsel zum Biathlon, eine Sportart, in der sie das Schießen von der Pike auf lernen musste.

Der Blitzstart: Weltmeisterin im ersten WM-Rennen

Zu diesem Neuanfang gehört auch ihre unvergessliche Geschichte: Wilhelm ging in eine Drogerie und kaufte rote Haarfarbe. Rote Ski, rote Mütze, rote Haare – Kollegen und Publikum tauften sie prompt „Rotkäppchen“. Aus einer Laune wurde eine Marke: Wer ihren Namen nicht kannte, kannte die Frau mit den roten Haaren.

Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City jubelt die deutsche Biathlon-Staffel der Frauen (v.li.): Uschi Disl, Kathrin Apel, Kati Wilhelm und Andrea Henkel.
Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City jubelt die deutsche Biathlon-Staffel der Frauen (v.li.): Uschi Disl, Kathrin Apel, Kati Wilhelm und Andrea Henkel.imago sportfotodienst

Sportlich war der Wechsel ein Volltreffer. Im Dezember 2000 fuhr sie in Antholz in ihrem dritten Weltcuprennen überhaupt als Dritte aufs Podest. Zwei Monate später, bei der WM 2001 in Pokljuka, gewann sie im Sprint – in ihrem allerersten WM-Rennen als Biathletin – Gold.

Der Bruch – und die Konsequenz

Der endgültige Durchbruch folgte 2002 in Salt Lake City. Wilhelm gewann den Sprint über 7,5 Kilometer vor ihrer Teamkollegin Uschi Disl, holte Silber in der Verfolgung und mit der Staffel gemeinsam mit Katrin Apel, Uschi Disl und Andrea Henkel ihr zweites Gold. Drei Medaillen bei ersten Winterspielen als Biathletin. Damit war sie die erfolgreichste Biathletin dieser Spiele.

Die Bilanz einer zehnjährigen Karriere
  • 7 olympische Medaillen (3 × Gold, 3 × Silber, 1 × Bronze) – bis heute mehr als jede andere deutsche Biathletin
  • 5 WM-Titel (2001, 2007, 2008, zweimal 2009) und 13 WM-Medaillen insgesamt
  • Gesamtweltcupsiegerin 2005/06, dazu Sprint- und Verfolgungsweltcup
  • 21 Einzelsiege und 16 Staffelsiege im Weltcup, insgesamt über 100 Podestplätze
  • Silbernes Lorbeerblatt 2002, 2006 und 2010; Sportlerin des Jahres 2006
  • Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports im November 2023

Was in Erfolgsbilanzen selten auftaucht: Danach kam eine schwierige Phase. Zwei Winter lang blieb Wilhelm hinter ihren Ansprüchen, ausgerechnet die Heim-WM 2004 in Oberhof geriet zum Tiefpunkt. Ihre Antwort war radikal: Sie verließ Thüringen und verlegte Wohnsitz und Training nach Ruhpolding.

Turin 2006: Fahnenträgerin, Olympiasiegerin, Sportlerin des Jahres

Die Entscheidung zahlte sich aus. 2004/05 gewann sie drei Weltcuprennen und wurde Zweite im Gesamtweltcup. Im Winter darauf war sie nicht mehr zu bremsen: Gesamtweltcup, Sprint- und Verfolgungsweltcup – ein Dreifachtriumph, den vor ihr nur eine deutsche Biathletin geschafft hatte.

Bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele 2006 trug Kati Wilhelm die deutsche Fahne ins Stadion von Turin. Was danach folgte, war der Höhepunkt ihrer Karriere: Gold in der 10-km-Verfolgung, Silber im erstmals olympischen Massenstart über 12,5 Kilometer und Silber mit der 4 × 6-km-Staffel. Am Jahresende wählte Deutschland sie zur Sportlerin des Jahres.

Vier Medaillen in einer Woche – mit 32 Jahren

Auch danach blieb sie eine Größe. Mit der Staffel wurde sie 2007 in Antholz und 2008 in Östersund Weltmeisterin. Ihr vielleicht beeindruckendster Wettkampf aber war die WM 2009 in Pyeongchang: Gold im Sprint, Silber in der Verfolgung, Gold im Einzel über 15 Kilometer, Silber mit der Staffel – vier Medaillen in einer Woche, im Alter von 32 Jahren.

Kati Wilhelm gewinnt bei der WM 2009 in Pyeongchang insgesamt vier Medaillen.
Kati Wilhelm gewinnt bei der WM 2009 in Pyeongchang insgesamt vier Medaillen.imago/ Bild13

Bei ihren dritten Winterspielen 2010 in Vancouver holte sie mit Simone Hauswald, Martina Beck und Andrea Henkel Bronze in der Staffel: ihre siebte olympische Medaille. Wenige Wochen später, im März 2010, beendete sie ihre Karriere – selbstbestimmt, wie sie später betonte, und mit dem Gefühl, alles erreicht zu haben.

Das zweite Leben: Mikrofon, Restaurant, Ehrenamt

Anders als viele Olympiasieger verschwand Wilhelm nach dem Karriereende nicht aus der Öffentlichkeit – sie erfand sich mehrfach neu. Von der Saison 2010/11 an arbeitete sie mehr als ein Jahrzehnt lang als Biathlon-Expertin für die ARD, an der Seite von Moderator Michael Antwerpes und stets nahe dran an der Generation, die nach ihr kam.

Parallel wagte sie etwas, was mit Sport nichts zu tun hatte: 2014 eröffnete sie in Steinbach-Hallenberg das Restaurant „Heimatlon“. Acht Jahre später musste sie es aufgeben – fehlendes Personal, gestiegene Lohn- und Energiekosten. Ein öffentliches Scheitern, über das sie offen sprach, und ein Kontrast zur glatten Erfolgsgeschichte, der ihr Bild eher vervollständigt als beschädigt.

Heute: Präsidentin, Trainerin, Bewegungscoach

Ihr Privatleben hält sie bewusst zurückhaltend: Wilhelm ist mit dem langjährigen DSV-Cheftechniker Andreas Emslander liiert, das Paar hat zwei Kinder, Tochter Lotta (2011) und Sohn Jakob (2014). Nebenbei studierte sie International Management und schloss ab. 2004 gehörte sie als Wahlfrau der SPD der Bundesversammlung an.

Kati Wilhelm ist jetzt Präsidentin des Thüringer Skiverbandes und Vizepräsidentin des Deutschen Skiverbandes.
Kati Wilhelm ist jetzt Präsidentin des Thüringer Skiverbandes und Vizepräsidentin des Deutschen Skiverbandes.IMAGO/christian heilwagen

Ihr eigentliches drittes Kapitel spielt im Ehrenamt. Seit Oktober 2024 ist Kati Wilhelm Vizepräsidentin des Deutschen Skiverbandes, seit dem 24. Mai 2025 Präsidentin des Thüringer Skiverbandes mit seinen mehr als 7000 Mitgliedern. Noch im Winter zuvor hatte sie eine Kandidatur abgelehnt. Nach ihrer Wahl in Ilmenau begründete sie den Sinneswandel mit einem Satz, der ihre Karriere gut zusammenfasst: „Ich war schon immer jemand, der die Initiative ergreift und nicht abwartet.“

Warum ihr Jubiläum ausgerechnet jetzt nachdenklich macht

Dazu kommt die Basisarbeit, die keine Schlagzeilen macht: Trainerin und Vorstandsmitglied in ihrem Heimatverein, Trainer-C-Lizenz im Leistungssport, Übungsleiterin bei den Nordischen Kombinierern, Bewegungscoach in Kindergärten und Grundschulen, dazu das nach ihr benannte „KatiCamp“ für den Biathlon-Nachwuchs, das seit mehr als einem Jahrzehnt läuft.

Der Zeitpunkt ihres Geburtstags ist mehr als ein Kalenderdatum. Im Februar 2026 kehrte das deutsche Biathlon-Team von den Winterspielen in Antholz mit einer einzigen Medaille zurück: Bronze in der Mixed-Staffel. Erstmals blieben sowohl die Frauen- als auch die Männer-Staffel bei Olympia ohne Podestplatz, Franziska Preuß beendete ihre Karriere ohne olympische Einzelmedaille.

Letztes Staffel-Gold liegt bereits 24 Jahre zurück

Die letzte olympische Goldmedaille einer deutschen Biathlon-Staffel liegt damit 24 Jahre zurück – und Kati Wilhelm lief sie mit, damals in Soldier Hollow. Genau darin liegt die Pointe dieses 50. Geburtstags: Die Frau, die für die goldene Ära des deutschen Biathlons steht, arbeitet heute in Verbandssitzungen, Kindergartenhallen und Nachwuchscamps daran, dass sich diese Ära irgendwann wiederholt. Es ist ein langsamerer Wettkampf als ein Sprint über 7,5 Kilometer. Aufgeben war nie ihr Stil.

Welche Erinnerungen an die Biathletin Kati Wilhelm haben Sie? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com