Es sind Hilferufe, die von der puren Verzweiflung zeugen: „Oleschky, Mitschurin-Straße an der Umgehungsstraße nach Hola Pristan, zwei Personen. Stadtteil Pscholky, neben dem Umspannwerk, 3 Personen, Kinder. Helft Ihnen!“, fleht jemand in einer Telegram-Gruppe für die Stadt Oleschky in der Ukraine. Im Minutentakt kommen neue Nachrichten hinzu.
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Die Stadt am linken Ufer (2020: 24.800 Einwohner), also der südlichen, russisch-besetzten Seite, ist mit am schlimmsten betroffen von den Überflutungen nach der Sprengung des Dammes und der Flut aus dem Kachowkaer Staudamm am Fluss Dnipro. Einwohner und Verwandte aus anderen Teilen der Ukraine organisieren sich selbst, denn, so berichten viele, es gibt keine Hilfe von den russischen Behörden.

Verwandte posten GPS-Koordinaten von eingeschlossenen Senioren
Deshalb posten die verzweifelten Menschen in der Gruppe die Adressen und oft auch GPS-Koordinaten der von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen. Auffallend häufig geht es dabei um alte Menschen und um Kinder: „Guten Tag zusammen! Wir suchen nach einer Möglichkeit zwei Rentner, Oleksandr und Ehefrau aus Oleshky zu evakuieren. Es heißt dass 6 bis 8 Menschen mit ihren Nachbarn auf dem Dach sitzen. Adresse Schewtschenko 183. Wir wären Ihnen sehr dankbar!!!“
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Dabei wird die Situation immer kritischer. Viele Menschen sitzen schon seit Dienstag auf Dächern, ohne Lebensmittel und Hygiene. Bei vielen geht die Handybatterien zur Neige. Und auch wenn der Scheitelpunkt in den weiter flussaufwärts gelegenen Orten schon erreicht ist, soll das Wasser in den Ortschaften weiter flussabwärts noch bis zu einem Meter weiter steigen. Wie viele Menschen bisher ertrunken sind, ist noch unklar. Auf Videos ist das Ausmaß der Überflutungen in Oleschky nur zu erahnen.
Окуповані Олешки під водою. Окупанти не еваквювали місцеве населення. Геноцид pic.twitter.com/ThbI26BAdg
— Олександр Аронець (@aronets) June 7, 2023
Auch die von der Ukraine kontrollierten Gebiete sind betroffen. In Cherson ist der Stadtteil Korabel zum Großteil überschwemmt. Aus betroffenen Gebieten wurden laut ukrainischen Angaben bisher fast 1500 Menschen evakuiert. Die Zahl steigt weiter. Die Betroffenen werden mit Evakuierungszügen in andere ukrainische Städte gebracht. Teams von Freiwilligen fahren mit Booten die Straßenzügen ab, durchkämmen die Häuser nach Zurückgebliebenen, meist alten Bewohnern. Selbst Haustiere retten die sich kurzfristig organisierenden Helfer. Der Beschuss durch russische Truppen geht unterdessen weiter.

Russische Besatzer verhindern Evakuierung von Flutopfern
Laut Berichten der ukrainischen Menschenrechtsorganisation ZMINA hindern auf der anderen Flussseite die russischen Besatzungsbehörden sogar Personen ohne russische Pässe daran, die Flutgebiete zu verlassen. Laut der ukrainischen Nachrichtenseite Hromadske sollen Freiwillige Evakuierungen in Richtung Krim organisiert haben. Doch die russischen Besatzer hätten die Autos gestoppt.
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Wie der ukrainische Bürgermeister von Oleschky Jewhen Ryschuk berichtet, haben die Besatzer die Menschen ihrem Schicksal überlassen. „Die Leute sitzen auf den Dächern der Häuser. Es gibt keine Boote in der Stadt“, schreibt er. Nicht einmal die nächtliche Ausgangssperre hätten die Besatzungsbehörden für die Evakuierungen aufgehoben. Und auch Freiwillige von der von der Ukraine befreiten Seite können nicht helfen. Die Russen würden jedes Boot angreifen, dass über den Fluss setzen würde – auch zivile Boote.
Der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kyslyza beklagte bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates am Dienstag bereits, dass die Russen nichts für die Evakuierung der Bevölkerung unternehmen würden. „Dass die russischen Besatzer die Evakuierung der Zivilbevölkerung nicht organisieren, obwohl sie ihre Truppen abgezogen haben, ist besorgniserregend“, sagte er.

Telefonnetze instabil, Menschen harren aus
Die russische Nachrichtenagentur TASS schreibt indes, dass 2700 Häuser überflutet seien in 15 Siedlungen. 22.000 Menschen würden dort insgesamt leben. „Fast 1300 wurden evakuiert“, schreibt die Staatsagentur. Doch die Evakuierungshotlines der Russen sind nur mit russischen SIM-Karten zu erreichen. Viele Bewohner haben jedoch nur ukrainische Karten. Die russischen Netze seien zudem häufig instabil, berichten Anwohner der ukrainischen Nachrichtenseite Suspilne.
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