Fast zwei Monate lang hat der russische Fallschirmjäger Pavel Filatjew (33) im Süden der Ukraine gekämpft, gehörte zu Russlands Elitetruppen. Bis er Anfang April wegen einer schlimmen Augeninfektion, die sich eingefangen hatte, evakuiert wurde. Entsetzt über die sinnlose Gewalt und Zerstörung, die durch die Invasion des russischen Präsidenten Wladimir Putin verursacht wurde, schreibt Filatjew seine Erinnerungen an die Kämpfe auf. In der Hoffnung, dass die Wahrheit über den Krieg seinem Land helfen könnte, ihn zu stoppen.
Am 1. August veröffentlichte Filatjew auf der Internetseite VKontakte, das russische Gegenstück zu Facebook, sein erschütterndes Tagebuch von der Front bei Cherson und Mykolajiw in der Südukraine. Und er liefert auf 141 Seiten einen Einblick in den Zustand des russischen Armee, wie es bislang noch niemand wagte.
„Mein ganzes Leben lang sage ich nur die Wahrheit, auch wenn es mir selbst weh tut“, beginnt der Russe seine Aufzeichnungen. Er könne nicht länger schweigen und wollte nicht länger kämpfen.
1/ A 34-year-old former Russian paratrooper, Pavel Filatyev, has published a remarkable in-depth account of his experiences of the Ukraine war. He served with the Feodosia-based 56th Guards Air Assault Regiment and fought in southern Ukraine for two months. A 🧵 follows. pic.twitter.com/upGQAejb12
— ChrisO (@ChrisO_wiki) August 17, 2022
Von chaotischen Zuständen berichtet der Fallschirmjäger dann. Von ahnungslosen und verängstigten Befehlshabern, von hoffnungslos veralteter Ausrüstung, verrosteten Waffen und der zerrütteten Moral an der Front. Er habe keine Wahl, schreibt Filatjew, er müsse von „Krieg“ sprechen – obwohl der Gebrauch des Wortes in Russland verboten sei. Er müsse von einem Krieg erzählen, der in seinen Augen sinnlos ist. „Ich sehe keine Gerechtigkeit in diesem Krieg“, schreibt er. Menschen würden in diesem Krieg für Ziele sterben, die nie definiert worden seien.
Filatjew schreibt von „vielen Toten, deren Angehörige keine Entschädigung erhalten haben“. Er schreibt von der Verzweiflung in Schützengräben und der Wut der Verletzten. „Die meisten Soldaten sind unzufrieden mit dem, was passiert. Sie sind unzufrieden mit der Regierung und ihren Kommandanten. Sie sind unzufrieden mit Putin und seiner Politik. Sie sind unzufrieden mit dem Verteidigungsminister, der nie in der Armee gedient hat.“
Rücksichtslose Plünderei in besetzten Gebieten aus Not

Er erzählt von Soldaten, die sich in die Beine geschossen haben, um die umgerechnet 50.000 Dollar zu kassieren, die die Regierung verletzten Soldaten versprochen hatte. Und Filatjew berichtet auch davon, wie Truppen die besetzten Gebiete auf der Suche nach Nahrungsmitteln plündern – aus Mangel an Vorräten.
„Die Befehlshaber haben die Menschen zu Wilden gemacht und die Tatsache ignoriert, dass sie schlafen, essen und duschen müssen. Wie Wilde haben wir alles gegessen: Haferflocken, Brei, Konfitüre, Honig, Kaffee. Es war uns egal, man hatte uns schon bis an die Grenzen getrieben. Die meisten hatten einen Monat an der Front verbracht – ohne einen Hauch von Komfort, einer Dusche oder normalem Essen.“


