Der Krieg in der Ukraine hat die Preise an deutschen Tankstellen auf nie gekannte Höhen getrieben. Die Wut der Autofahrer richtet sich vor allem gegen den Staat: Denn Kraftstoffe werden massiv besteuert. Vor allem durch die Mehrwertsteuer profitiert der Fiskus davon, wenn die Preise für Diesel und Super deutlich über zwei Euro liegen. Bundesfinanzminister Lindner will Kraftfahrer mit einem Tankrabatt entlasten, bekommt dafür aber heftige Kritik von Wirtschaftsexperten.
Nun gibt es eine erstaunliche Entwicklung: Die Ölpreise sind in den vergangenen Tagen massiv gesunken, liegen fast schon wieder auf dem Niveau vor Kriegsbeginn. Doch der Sprit an den Tankstellen bleibt teuer. Der Verdacht: Da wird kräftig abgezockt, weniger vom Staat als von den Mineralölkonzernen. Was ist dran?
Mineralölkonzerne unter Abzocke-Verdacht
Sprit an deutschen Tankstellen ist deutlich teurer als im Nachbarland Polen: Das liegt daran, dass die polnische Regierung Steuern auf Kraftstoffe deutlich abgesenkt hat, wenn auch nur vorübergehend bis zum Sommer. In Deutschland waren die Preise auch vor dem Krieg schon zeitweise bis zur Zwei-Euro-Marke geklettert. Seit Kriegsbeginn liegen sie flächendeckend deutlich darüber, angetrieben von Rekordpreisen für Rohöl, das zu etwa einem Drittel aus Russland stammt. In den vergangenen Tagen ist aber Folgendes passiert: Von einem Rekordpreis von 139,13 Dollar pro Tonne ist der Weltpreis nun auf zeitweise unter 100 Dollar gesunken und erreicht das Niveau vor dem Krieg. Statt die Ersparnisse an die Verbraucher weiterzugeben, bezahlen diese dieselben Teuerpreise, die seit Kriegsbeginn auf der Tankquittung stehen: Aktuell etwa rund 2,24 Euro pro Liter Diesel, 2,20 Euro pro Liter Super E5.
Die Mineralölkonzerne stehen also unter Abzocke-Verdacht. „Hier sind Spekulationen am Benzinpreis erfolgt, die einen massiven Aufwuchs an den Zapfsäulen vergegenwärtigen“, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Rolf Mützenich, am Dienstag. Und der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) schrieb auf Twitter: „Mein Eindruck ist, dass ein paar Ölmultis gerade den großen Reibach machen.“
Mein Eindruck ist, dass ein paar Ölmultis gerade den großen Reibach machen. Und einige überlegen laut darüber nach, dieses Verhalten auch noch zu belohnen. Hier läuft etwas gehörig schief #Tankrabatt https://t.co/OC2zCmE6sR
— Danyal Bayaz (@DerDanyal) March 15, 2022
Vielen Autofahrern dürften die beiden aus der Seele sprechen, denn während Rohöl inzwischen fast wieder auf das Preisniveau vor Beginn des Ukraine-Kriegs zurückgekehrt ist, bleibt Superbenzin rund 45 Cent pro Liter teurer, Diesel sogar rund 64 Cent.
Rohölpreis wieder auf Vorkriegs-Niveau, doch Tanken bleibt teuer
Normalerweise bewegen sich die Preise für Öl und Sprit relativ im Gleichschritt, doch derzeit sind sie weitgehend entkoppelt. Am Dienstag sank der Preis für Öl der in Europa wichtigen Sorte Brent zwischenzeitlich unter 100 Dollar pro Fass (159 Liter) und näherte sich den Werten vor Kriegsbeginn. Am Dienstagnachmittag stieg er wieder leicht über 100 Dollar. Nach dem russischen Angriff war er bis Anfang vergangener Woche über 130 Dollar gestiegen. In der Spitze wurde kurzfristig sogar ein Wert von 139,13 Dollar erreicht. Seither ist der Preis allerdings wieder stark gesunken. Beim Sprit ist davon aber nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Sowohl Superbenzin der Sorte E10 als auch Diesel sind in der Phase des Ölpreis-Rückgangs eher teurer als billiger geworden.
Auch beim ADAC moniert man diese Diskrepanz. „Trotz aller kriegsbedingter Sondereffekte und Erklärungen für die hohen Spritpreise – irgendwo zwischen Ölförderung und Tankstelle bleibt das zusätzliche Autofahrergeld hängen“, sagt Kraftstoffmarkt-Experte Jürgen Albrecht. „Die Mineralölkonzerne verdienen im Raffineriegeschäft derzeit richtig gutes Geld.“
Bei den Öl-Raffinerien läuft das Geschäft gerade wie geschmiert
Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) äußerte sich ähnlich. Ein Sprecher sagte der Tageszeitung (taz): „Die Raffinerien verdienen derzeit deutlich mehr Geld als vorher.“ Am Dienstag verwies der Verband auf eine höhere Nachfrage bei gleichzeitig zurückgegangenem Angebot. Die höheren Preise für Kraftstoffe aus heimischen Raffinerien oder dem Ausland seien „ein Indikator für eine Produktknappheit, die in diesem Fall europa- und weltweit gilt“.
Auch der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, sieht diese Knappheit. Vor allem bei Diesel und ihm ähnlichen Produkten werde in Deutschland weniger produziert als verbraucht. Ein relevanter Teil des Imports sei bisher aus Russland gekommen, doch viele Händler nehmen bereits ein mögliches Importverbot vorweg. Dadurch werde der Treibstoff knapper und damit teurer. Dazu kämen Angst und Spekulation. Und es sei auch nicht auszuschließen, dass manche Unternehmen versuchten, etwas Speck anzulegen, um für sinkende Preise gewappnet zu sein. Die Tankstellen selbst hätten dagegen kaum Möglichkeiten, die Preise zu gestalten.
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