Mit seiner runden Brille und der Pfeife im Mundwinkel erinnert Marc an die Hipster in den Großstadt-Cafés. Doch das hier ist nicht Berlin oder Paris, sondern die ukrainische Ostfront. Und dorthin ist der 42-Jährige aus Belarus freiwillig gegangen: um an der Seite der Ukraine gegen Russland zu kämpfen.
Mit einer kleinen Gruppe von Landsleuten hockt Marc zwischen zwei zerstörten Häusern, vor den Männern im Schlamm steckt ein alter sowjetischer Mörser. Die schwer umkämpfte Stadt Bachmut ist nur drei Kilometer entfernt. Explosionen erschüttern die Umgebung, doch das scheint Marc nicht aus der Ruhe zu bringen. Er wartet auf den Befehl, eine Mörsergranate für den nächsten Angriff zu holen.
„Ich habe keine militärische Ausbildung, ich habe mein ganzes Leben lang Autos repariert“, erzählt er. „Aber ich bin bereit, alles zu tun, um zu helfen.“ Marc gehört dem Kastus-Kalinowski-Bataillon an, das nach einem polnisch-belarussischen Schriftsteller und Revolutionär aus dem 19. Jahrhundert benannt ist, der gegen das zaristische Russland kämpfte.
Freiwillige ohne Kampferfahrung an der Front
Obwohl er keine Kampferfahrung hatte, war er als erster der Gruppe in der Ukraine: am 28. Februar 2022, nur vier Tage nach Kriegsbeginn. Moskau hatte das verbündete Belarus als Aufmarschgebiet für die Invasion im Nachbarland genutzt.

„Als ich sah, wie Panzer in mein Land rollten, habe ich meine Autowerkstatt aufgegeben und meine Koffer gepackt. Dann schloss ich mich dem Bataillon an, das ein belarussischer Freund gegründet hatte“, berichtet er voller Stolz. „Es ist ein Krieg zwischen der Diktatur und der Demokratie. Und ich habe mich für die eine Seite entschieden.“ Da er nicht direkt von Belarus in die Ukraine reisen konnte, nahm er den Umweg über Polen.
Neben Marc sitzt Salam, ein großer Mann um die 30 mit orangefarbener Kampfbrille, der Anführer der Einheit. Hektisch macht er sich Notizen. Er hat gerade die Koordinaten eines russischen Munitionslagers erhalten – das nächste Angriffsziel.
„Ich habe mit diesem Krieg gerechnet, weil ich wusste, dass Russland es nicht ertragen würde, seinen Einfluss auf Belarus und die Ukraine zu verlieren“, sagt er, nachdem der ohrenbetäubende Lärm eines Abschusses verklungen ist. „Ich dachte, der Krieg würde bei uns beginnen, aber am Ende waren unsere ukrainischen Nachbarn die ersten Leidtragenden.“ Salam gefällt nicht alles an der Demokratie. „Aber im Vergleich zu dem, was in Russland passiert, ist es ein Kampf, für den es sich zu sterben lohnt“, sagt er.
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Freiwilligen drohen in Belarus lange Haftstrafen
Bis zum nächsten Angriff ziehen sich die Soldaten in den Keller eines Hauses zurück. Im Schein einer Kerze sitzt Marc auf einer klapprigen Pritsche und betrachtet das Foto seines Kindes, dessen Geburt er nicht miterlebte. Seine Frau war im zweiten Monat schwanger, als Marc in den Kampf zog. Unwahrscheinlich auch, dass er bald zur seiner Familie zurückkehren kann. Marc geht davon aus, dass er in seiner autokratischen Heimat künftig als „Terrorist“ gilt und ihm lange Jahre Gefängnis drohen.

Salam berichtet, er habe schon 2014 überlegt, in die Ukraine zu gehen und sich der Protestbewegung Euromaidan anzuschließen. „Aber dieses Mal gibt es keine Ausreden mehr. Ich muss die ukrainische Gesellschaft retten und meinen Teil beitragen, Belarus zu befreien.“ Als er von seiner Heimat spricht, kommen Salam die Tränen.


