„Im Rückblick wird die Affäre Aiwanger-Söder als ein Wendepunkt in der Erinnerungskultur angesehen werden“, sagt der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer. Und er hat recht. Tatsächlich zeigt die Debatte auch die Sehnsucht vieler Deutscher nach einem Schlussstrich. „Durch Aiwanger ist dieser Schlussstrich unter der Geschichte salonfähig geworden und wird sogar in Bierzelten gefeiert“, so Zimmerer.
Wer die Wahlkampfbilder des Freie-Wähler-Chefs in diesen Tagen verfolgt, den beschleicht ein mulmiges Gefühl. Übelste Nazi-Propaganda wird da schnell zum harmlosen Schülerstreich. Und lange her ist es doch auch...
Es geht um glaubwürdige Reue und Entschuldigung
Es geht doch gar nicht darum, dass Aiwanger sofort zurücktreten muss. Es geht um eindeutige Distanzierung zu Nazi-Sprech, es geht um glaubwürdige Reue und Entschuldigung. Es geht um den Konsens, dass wir in diesem Land keine antisemitischen Ausfälle dulden. Das galt 78 Jahre lang. Und jetzt?
Das Verhalten von Aiwanger und das johlende Bierzelt-Volk stehen dazu in krassem Gegensatz. Eine „Katastrophe für die Erinnerungskultur“ nennt Historiker Zimmerer das. Weil so die Opfer selbst und auch alle Menschen verhöhnt werden, die sich für die Erinnerung an NS-Verbrechen engagieren.

Aiwanger praktiziert nichts anderes als Trumpismus
Seit Donald Trump ist das Mittel der „Opfer-Täter-Umkehr“ auch in der deutschen Politik salonfähig geworden. Vorwürfe (auch bewiesene) werden geleugnet, dann droht man mit Klage und am Ende macht man sich selbst zum Opfer (zum Beispiel einer Kampagne). Nichts anderes als diesen Trumpismus praktiziert Aiwanger gerade. Nur geht es diesmal nicht um eine Petitesse.



