In den vergangenen Jahrzehnten haben etliche Bundespräsidenten, Kanzler und deutsche Außenminister um Vergebung für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gebeten. Eine Geste jedoch stellt alles in den Schatten, was je über die deutsche Schuld und die Sühne für die Nazi-Gräuel gesagt wurde: Am 7. Dezember 1970 fiel der damalige Kanzler Willy Brandt am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau auf die Knie, um der Millionen Opfer der Hitler-Diktatur zu gedenken.

Das Bild wurde zu einer Ikone der Nachkriegszeit, zum bis heute stärksten Symbol des Versöhnungsprozesses zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern. Es ist in Geschichtsbüchern weit über Deutschland und Polen hinaus zu finden. An diesem Montag jährt sich der Kniefall zum 50. Mal. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird an das historische Ereignis mit einer Rede erinnern.
Brandts Kniefall war nicht geplant
Heute steht in der Nähe des Denkmals, vor dem Brandt einst kniete, der futuristische grüne Bau des Museums der Geschichte der polnischen Juden. 1970 war der Platz um das Denkmal groß und leer, an manchen Stellen noch gesäumt von Kriegsruinen.

Von der Geste wurden damals selbst die engsten Berater Brandts überrascht. Egon Bahr, damals Staatssekretär im Kanzleramt, verpasste den Kniefall, obwohl er nur wenige Meter entfernt stand. Er sei erst darauf aufmerksam geworden, als es plötzlich still wurde und jemand flüsterte: „Er kniet“, erzählte Bahr später.
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Brandt selbst hat stets beteuert, dass die Geste spontan war. „Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen“, schrieb er in seinen Erinnerungen. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“
Polen ignorierte zunächst die Versöhnungsgeste
In Polen entfaltete die Geste allerdings zunächst kaum Wirkung. Das lag auch daran, dass die Staatsmedien sie ignorierten. In Zeitungen wurde das Bild später oft so geschnitten, dass man nicht sehen kann, ob der Kanzler steht oder kniet.
„Brandts Geste kam der kommunistischen Führung nicht gelegen“, erklärt der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums der Universität Wroclaw (Breslau). Seit Kriegsende hätten die Kommunisten den Polen beigebracht, dass die bösen Deutschen im Westen seien – diese Propaganda habe man nicht von einem Tag auf den anderen umstellen können.
Die Geste stand damals im Zusammenhang mit dem Vertrag über eine Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen, der am selben Tag unterzeichnet wurde. Darin erkannte Deutschland die Oder-Neiße-Linie faktisch als Westgrenze Polens an – und verzichtete damit auf ein Drittel des deutschen Territoriums vor dem Krieg zugunsten Polens.
