Die drei Millionen Menschen, die im Ballungsbiet um Neapel leben, wissen, dass sie an einem der potenziell gefährlichsten Orte der Welt leben. Unter der Erde erstrecken sich die Phlegräischen Felder, der Vesuv am Horizont erinnert täglich an den Untergang der römischen Stadt Pompeji. Beide Vulkane gelten als Vulkane mit einem hohen Aktivitätslevel, sie stellen unmittelbar eine Gefahr für die Menschen am Golf von Neapel dar.
Nun ist in der Nacht zum Mittwoch eingetreten, was viele fürchten. Ein sehr deutlich spürbares Erdbeben erschütterte die Stadt und die Vororte. Menschen rannten in Panik auf die Straßen. Obwohl es bisher keine größeren Schäden und Verletzten gab, wächst die Angst vor einem noch viel größeren Beben.
Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) gab die Stärke des aktuellen Bebens mit 4,2 an und verortete das Epizentrum in den Phlegräischen Feldern.

Die Phlegräischen Felder, ein Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität in der Region Kampanien im Süden Italiens, werden seit geraumer Zeit von vielen kleinen Erdbeben heimgesucht. Allein im August wurden rund um Europas größten aktiven Supervulkan 1118 Erdstöße registriert.
Meistens sind es allerdings kleine und kaum spürbare Erschütterungen, die die Erdkruste über den Phlegräischen Feldern schwächen. Immer wieder warnen Forscher vor diesem Phänomen. Seit elf Jahren gilt für das Gebiet daher die Alarmstufe gelb, die zur Vorsicht aufruft. Ein so starkes Beben wie das von Mittwochnacht hat es nach Angaben des INGV-Direktors Antonio Di Vito zuletzt vor 40 Jahren gegeben.
Seit Montagabend habe es unter der Erdoberfläche wieder vermehrt rumort, hieß es vom INGV. Das Erdbeben gegen 3.35 Uhr war jedoch das stärkste seit langem und versetzte viele Menschen in Angst. „Das Bett bewegte sich, Gemälde und Gegenstände auf dem Kleiderschrank fielen herunter, alles tanzte. Dieses Mal war es sehr stark“, schrieb eine Userin bei Facebook.

Auf Bildern war zu sehen, wie Menschen sich verängstigt auf Straßen versammelt hatten. Der Zugverkehr von und nach Neapel wurde für mehrere Stunden ausgesetzt und in der Stadt Pozzuoli sollten am Mittwoch die Schulen geschlossen bleiben.
Sorge um Supervulkan Campi Flegrei
Die Sorge um die Campi Flegrei vor Neapel nimmt zu. Denn die Erdkruste über dem Supervulkan wird immer dünner. Ein großer Ausbruch hätte verheerende Folgen in dem dicht besiedelten Gebiet am Golf von Neapel.
Spätestens seit einer neuen Studie von Forschern des University College London (UCL) und des italienischen Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) stehen die „brennenden Felder“ und die möglichen Auswirkungen eines Ausbruchs des Supervulkans im Fokus.
Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer aus. Anders als normale Vulkane, brechen sie nicht nur aus, sondern explodieren regelrecht. Statt eines Vulkankegels, also Berges, hinterlassen sie nach einem Ausbruch einen riesigen Krater. Dieser wird als Caldera bezeichnet.
Die Caldera der Phlegräischen Felder durchläuft den Forschern zufolge zurzeit den Übergang von einer „elastischen“ zu einer „unelastischen“ Phase. Die Fachleute haben in der Tiefe Bewegungen ermittelt, die auf aufsteigendes Gas hindeuten. Dies äußert sich in Hebungen und Senkungen, die zu Brüchen in der Kruste führen können.

Vulkane, die nach langer Ruhe wieder erwachen, müssen die in den Jahren der Ruhe gewachsene dicke Kruste zunächst aufbrechen, um das Magma ausstoßen zu können. Einem solchen Bruch gehen eben dieses wiederholte Heben und Senken sowie vulkanische Beben voraus. Genau das passiert den Forschern zufolge zurzeit unter den Phlegräischen Feldern. Ein solcher Bruch der Erdkruste würde zur Eruption führen.
Vulkanausbruch beeinflusste Klima weltweit
Die Sorge vor einem Ausbruch ist deshalb groß, da die Auswirkungen verheerend sein könnten - und das nicht nur für die unmittelbare Umgebung. Bei einem Ausbruch vor rund 40.000 Jahren wurde etwa eine enorme Menge an Asche in die Atmosphäre geschleudert, die das Klima nicht nur regional, sondern auch weltweit massiv beeinflusste. Dann erneut vor 15.000 Jahren. Der letzte Ausbruch ereignete sich 1538.
Seit 70 Jahren rumort es nun wieder unter der Erde. Zehntausende kleine Erdbeben erschütterten in dieser Zeit das Gebiet.
Trotz der Sorge vor einem Ausbruch ist es jedoch auch möglich, dass sich die Aktivitäten der Phlegräischen Felder wieder einpegeln - oder gar völlig zur Ruhe kommen. Auch ein nur teilweiser Ausbruch ist möglich. Besser ist es aber, auf alle Szenarien vorbereitet zu sein.


