Es herrscht ein strenger Winter in Deutschland, die Gasspeicher leeren sich – die Füllstände liegen deutlich niedriger als in den Jahren zuvor. Besteht Anlass zur Sorge? Die Bundesnetzagentur geht zurzeit von einer gesicherten Gasversorgung aus. Ähnlich äußert sich das Bundeswirtschaftsministerium. Doch die Gasbranche sieht das anders.
Gasnotstand schon ab Mitte Januar?
„Die aktuellen Füllstände der Gasspeicher liegen deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt“, sagt Timm Kehler, Vorstand des Verbands Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Noch deutlicher wird Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern: „Mit einem Füllstand von aktuell unter 52 Prozent verlaufen die Gasspeicherfüllstände auf einem historischen Tief.“ Bereits Mitte November hatte seine Initiative gewarnt, Deutschland starte mit nur 75 Prozent Füllstand unerwartet schwach in die Heizperiode. Bei extremen Temperaturen drohten schon ab Mitte Januar „Unterdeckungen“.
Entspannt hatte die Lage zunächst ein milder Dezember. Heinermann zufolge wurde bis Jahresende nur im normalen Umfang Gas aus den Speichern entnommen. Doch das Bild hat sich gedreht. „Im Vergleich zum Dezember ist der Januar von deutlich kälteren Temperaturen geprägt, weshalb derzeit in großem Umfang ausgespeichert wird.“
Die Großhandelspreise seien bislang stabil – möglicherweise, weil die Entleerung der Speicher den Markt dämpfe. Dieser preisdämpfende Effekt sei jedoch nicht dauerhaft. Sollten die Entnahmen aus den Gasspeichern weiter auf hohem Niveau bleiben, könne der Preiseffekt der Ausspeicherungen nachlassen – mit negativen Auswirkungen auf die Gaspreise.

Gas-Engpässe bei längerem kalten Winter
Aus der Branche kommen weitere warnende Töne. Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper erklärt: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Ein langer, kalter Winter oder geopolitische Störungen könnten bei niedrigen Füllständen zu Engpässen führen. Und das hätte nicht nur Folgen für Deutschland. Mit seinem großen Speichervolumen und der zentralen Lage spielt Deutschland ohne russische Lieferungen eine Schlüsselrolle für die Gasversorgung mehrerer europäischer Nachbarländer.
Auch EWE-Chef Stefan Dohler blickt mit Sorge auf die Entwicklung. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, sagt er. Für Dohler ist das ein politisches Signal: „Es ist ein Zeichen, dass die Mechanismen, die die Politik geschaffen hat, so nicht funktionieren. Es gab im vergangenen Sommer keine Preissignale im Markt, die Gasspeicher zu befüllen.“
Warum sind die Speicherstände so niedrig?
Ein Vergleich zeigt die Dimension: Anfang 2025 lagen die Speicherstände noch bei rund 77 Prozent, heute sind es knapp 50. Würden sie sich in den kommenden drei Monaten so schnell leeren wie vor einem Jahr, wären Ende März nur noch fünf Prozent übrig, rechnet Dohler vor. „Das wäre ziemlich wenig.“ Ein solches Szenario hält er derzeit zwar für unwahrscheinlich, da die Gaspreise entspannt seien und Händler am Markt einkaufen könnten.
Die Uniper-Sprecherin sagt, die Füllstände der deutschen Gasspeicher seien niedriger als in den Vorjahren, da die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeicherung fehlten. Daher seien viele Speicher nur teilweise gebucht. „Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.“


