Es war kurz nach Mitternacht, als ich rückkehrend von einer kurzen Reise auf dem Bahnhof Griebnitzsee eintrudelte. Als ich gerade meinen Koffer durch die Vorhalle der S- und Regionalbahn-Station am Rande Potsdams zog, begrüßte mich fröhlich zwitschernd eine Schwalbe, die auf einer Lampe saß und dabei aus ihrem Hinterteil was fallen ließ. Der kleine freche Vogel erinnerte mich in diesem Moment wieder daran, dass ich mich im wohl beschi… Bahnhof des Ostens des Landes befand.
Ja, der Anschiss lauert überall, wie schon meine Großmutter zu sagen pflegte. Auch an ungewöhnlichen Orten wie dem Bahnhof Griebnitzsee, wo der Reisende seit Jahren tierisch aufpassen muss – und nicht nur, weil dort auf dem Vorplatz gerne die abgeschlossenen Fahrräder von lieben Mitmenschen geklaut werden. Denn nicht alles, was dort in der Bahnhofshalle von oben herabfällt, verspricht Gutes. Zum Glück hat mich der gefiederte Kerl nicht getroffen.

Aber es hätte passieren können. Als ich nach oben zur Bahnhofsdecke schaute, erblickte ich unter dem großen Dach an den Querbalken über 20 Schwalbennester. Und an der Decke, an den Fenstern, Treppen und auf dem Fußboden klebten haufenweise die nicht so angenehmen Hinterlassenschaften der dort nistenden Vögel und ihrer Brut.
Das Schöne ist: Kaum einen Reisenden stört das – auch mich nicht. Im Gegenteil: Ich bin froh darüber, dass die Vögel in dem 1874 errichteten Bahnhof Griebnitzsee ein Zuhause gefunden haben. Denn die Rauchschwalben gehören zu den bedrohten Tierarten, stehen seit 2020 in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Brutvögel.
Der Grund ist das Insektensterben durch den Klimawandel. Und die Fluginsekten bilden die Nahrungsgrundlage der Schwalben und ihres Nachwuchses. Das Schwinden von Bienen, Hummeln oder Wespen sorgte auch in den Potsdamer Vororten dafür, dass die Schwalbenpopulation um die Jahrtausendwende um 50 Prozent abnahm.

Anschiss im „Ost-Bahnhof“: Eine Schwalbenkolonie sorgt dafür
In der Umgebung des Bahnhofs Griebnitzsee finden diese Vögel noch reichlich Insekten. Kein Wunder, dass die Schwalben seit fast 20 Jahren im April immer wieder in der Vorhalle der Station ihre Nester aufbauen, um für Nachwuchs zu sorgen.

Und die Deutsche Bahn lässt sie mit Unterstützung der Naturschützer vom Nabu gewähren. Auch wenn der Dreck, den diese Tiere hinterlassen, nicht gerade für die Passanten schön aussieht. Ehrenamtliche Nabu-Helfer sorgen dafür, dass die Schwalben trotz des Bahnverkehrs ungestört ihre Brut aufziehen können. Sie zählen die besetzten Nester und Küken, nehmen abgestürzte Jungtiere auf und unterstützen die Bahn bei der Reinigung der Bahnhofshalle. Seit 2018 darf sich die Station in Griebnitzsee stolz als „schwalbenfreundlicher Bahnhof“ bezeichnen.

Einige Stunden nach meiner Ankunft war ich am Morgen aus Neugier wieder in der Bahnhofshalle. Die Schwalbeneltern flogen aus den Nestern durch die offenen Bahnhofstüren ins Freie, um neue Nahrung für die Jungvögel zu besorgen, die fröhlich zwitschernd in den Nestern blieben. Ein Schauspiel, was ich als Stadtmensch gerne beobachte.
In ein paar Tagen wird das alles vorbei sein. Dann sind die jungen Schwalben bereit, mit ihren Eltern vom Bahnhof aus die lange Flugreise in den Süden anzutreten, wo diese Vögel überwintern. Hoffentlich kommen sie alle im nächsten Frühjahr zurück, um die Station am Griebnitzsee wieder zum beschi… Bahnhof im Osten Deutschlands zu machen. Ich freue mich schon darauf.




