Schritt für Schritt eine kleine Pilgerreise durch Brandenburg

Viele Wege führen nach Rom und nach Santiago de Compostela – und gleich fünf durch Brandenburg

Teilen
Blickfang auf dem Jakobsweg bei Werneuchen (Landkreis Barnim) sind vier Holzfiguren, drei Pilger, die von einem Engel geleitet werden. Geschaffen hat sie der Künstler Ekkehard Koch aus Börnicke. 
Blickfang auf dem Jakobsweg bei Werneuchen (Landkreis Barnim) sind vier Holzfiguren, drei Pilger, die von einem Engel geleitet werden. Geschaffen hat sie der Künstler Ekkehard Koch aus Börnicke. Hohlfeld/imago

Liebe Leserin und lieber Leser,

meine Freundin Betty bringt mich immer wieder zum Staunen. Das neuste Beispiel dafür ist ihre Wandertour, zu der sie Anfang September aufbrach. Ich wusste bisher gar nicht, dass es in unserer Region Jakobswege gibt, aber Betti machte mich schlauer und so kenne ich nun gleich fünf: von Frankfurt (Oder) nach Bernau, von Frankfurt (Oder) nach Erkner, die Via Imperii von Stettin nach Bernau und weiter über Berlin, von Teltow Richtung Süden nach Wittenberg und Leipzig und schließlich der Pilgerweg nach Bad Wilsnack zur dortigen Wunderblutkirche.

Nachgelesen habe ich das noch mal auf der Homepage der Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion (www.brandenburger-jakobswege.de), die sich um Belange rund um die Jakobswege und Jakobspilger in der Region kümmert.

Betti hatte sich gemeinsam mit einer Freundin für die Tour von Stettin nach Berlin entschieden. Zehn Tage haben sich die beiden Frauen Zeit für die über 200 Kilometer lange Tour genommen. Bettis App wies am Ende rund 250 Kilometer aus, „weil es immer wieder Ablenkungen wie einen schönen Badesee gab, oder das Quartier nicht direkt am Weg lag.“ Der Regio brachte sie nach Stettin/Szczecin, wo sie sich erst mal die Stadt mit dem restaurierten Schloss der Pommerschen Herzöge anschauten. Betti schwärmte von diesen zehn Etappen, die sie durch die Felder, Wiesen und Wälder der Uckermark und entlang der Flussauen im Nationalpark Unteres Odertal führten.

Im UNESCO-Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin drehten sie eine Extra-Runde und schwärmen noch heute vom Eierlikör in der Grumsiner Brennerei. Auf den Whisky, der hier destilliert wird, verzichteten sie aus Vernunftsgründen. Auf dem Weg waren sie – wie König Charles und Camilla – im Ökodorf Brodowin und im Kloster Chorin. Endpunkt war das Brandenburger Tor.

Die ehemalige Zisterzienserabtei Kloster Chorin Brandenburg ist allemal ein Besuch wert
Die ehemalige Zisterzienserabtei Kloster Chorin Brandenburg ist allemal ein Besuch wertJürgen Ritter/imago

Ich hatte natürlich ein paar ganz praktische Fragen an die Pilgerin: Wie das ist mit dem Rucksack auf dem Rücken (Faustregel: nicht mehr Gepäck als 10 % des Körpergewichts), ob sie die Quartiere alle vorab gebucht hatten (ja), und ob sie manchmal nicht die Nase voll hatten von der Lauferei (nur in ganz seltenen Momenten). Und dann traute ich mich auch eine Frage zu stellen, warum es gerade ein Pilgerweg sein musste, schließlich weiß ich genau, dass Betti mit der Kirche nichts am Hut hat.

Betti fand die Frage nicht indiskret, sondern erklärte mir, dass diese alten Kulturwege – die Via Imperii ist eine der bekanntesten Fernhandelsstraßen aus dem Mittelalter – ihre Phantasie inspirieren. Sie erklärte mir, dass sie sich auf diesen alten Wegen oft überlegt, wie viele Menschen hier über die Jahrhunderte hinweg gelaufen sind, was sie suchten vielleicht auch fanden, wen sie trafen und welche Herausforderungen sie meistern mussten.

Betti berichtete mir, dass Pilgern einen ganz eigenen Spirit hat, der sich besonders in der Begegnung mit anderen Pilgern offenbart. „Da gibt es keinen belanglosen Smalltalk oder soziale Schubladen. Die Gespräche erreichen ganz schnell existenzielle Fragen des Lebens“, erklärte sie mir.

Das Erkennungszeichen eines Pilgerweges ist die Jakobsmuschel wie hier in Löme
Das Erkennungszeichen eines Pilgerweges ist die Jakobsmuschel wie hier in LömeSabine Gudath/imago

Ich jedenfalls bin voller Hochachtung für diese Leistung. Übrigens habe ich inzwischen auch in Berlin, so am Hauptbahnhof, die Jakobsmuschel als Wegweiser entdeckt. Betti schlug mir vor, dass wir gemeinsam mal eine Etappe laufen – es müssen ja nicht gleich 30 Kilometer sein. Na gut, ich denke mal darüber nach,

verspricht

Ihre Sabine Stickforth