Ich glaube, die haben sie nicht mehr alle! Da komme ich gerade mit noch voller Sommerfreude im Herzen aus meinem sonnigen Sardinien-Urlaub zurück und will mir nur mal schnell im ebenfalls noch sommerlichen Potsdam eine Milch für den Morgenkaffee kaufen – und was sehe ich da im Supermarkt? Gleich neben der Milch steht da ein Mega-Regal vollgestopft bis obenan mit Weihnachtssüßigkeiten!
Lebkuchenherzen, Zimtsterne, Marzipanleckereien, kleine Stollen – alles ab 2,39 Euro aufwärts. So ist es nicht nur in meinem Supermarkt in Potsdam, sondern auch in anderen Läden im ganzen Land – und das schon seit Anfang September! Mein Gott, wir haben noch nicht einmal richtig Herbst, bis zum ersten Advent sind es noch gut zehn Wochen und Heiligabend ist ab heute (22. September) an gerechnet auch erst in 93 Tagen! Was sollen wir denn jetzt schon mit dem ganzen Festtagssüßkram? Mir kann doch keiner erzählen, dass er bereits in Weihnachtslaune ist.
Ehrlich gesagt, bei Geschichten wie diesen wünsche ich mir dann doch die DDR-Zeiten zurück. Da fand in den Geschäften Weihnachten wirklich noch erst im Dezember statt. Na, nicht ganz so, meint da mein Vater, als ich mich mit ihm über diesen Weihnachtskonsumrausch unterhalte, der gefühlt von Jahr zu Jahr immer früher in den Läden beginnt. Auch in der DDR gab es seiner Meinung nach schon eher den Festtagssüßkram.

In der DDR gab es im September keine Weihnachtsnaschereien im Konsum
Aber erst frühestens Ende November, nach Totensonntag, wenn dann auch die Weihnachtsmärkte öffneten, räumte mein Vater ein. War ja auch nicht schlimm. Da ist man ja auch bereits in Adventsstimmung. Und man war in der DDR schon froh, wenn es dann zum Nikolaustag überhaupt Lebkuchen oder halbwegs leckere Schoko-Weihnachtsmänner in der Kaufhalle zu kaufen gab.
Vielleicht lag es an der Mangelwirtschaft, dass in der DDR nicht schon eher die Weihnachtsnaschereien massenhaft in den Regalen standen wie heute im vereinten Deutschland. Wichtige Zutaten wie Kakao mussten schließlich für harte Devisen auf dem Weltmarkt eingekauft werden. Und die waren im Arbeiter- und Bauernstaat bekanntlich knapp.

Eine Kollegin erzählte mir, dass man auch in der alten Bundesrepublik noch nicht im Sommer Weihnachtsnaschereien zu kaufen bekam. Gut, aber warum macht man das jetzt so?
Ganz einfach: Das Zeug muss raus. Denn in den Süßwarenfabriken läuft die Herstellung von Stollen, Lebkuchen und Co. im Hochsommer auf Hochtouren, damit zu Weihnachten genug davon da ist. Fast 87.600 Tonnen Lebkuchen produzierten die deutschen Hersteller im vergangenen Jahr, wie das Statistisches Bundesamt mitteilt. Die Lager sind daher voll, und so kommt die Ware schon jetzt nach und nach in den Handel.

Übrigens: Der Bundesverband der Süßwarenindustrie sieht Lebkuchen und Co. gar nicht als Weihnachtsnaschwerk an, sondern bezeichnet es einfach als Herbstgebäck, wie es auf der Internetseite des Verbands steht. Warum rege ich mich also so auf?
Meint mein Vater auch. Er fand es jedenfalls prima, einmal bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius einen Stollen essen zu können. War natürlich ein Scherz. Aber, so gibt er zu bedenken, dass es kurz vor dem Weihnachtsfest möglicherweise nicht mehr das passende Naschwerk zu kaufen gibt, weil es schon jetzt im Handel ist. Und, wo ist da das Problem? Vielleicht stehen vor Heiligabend bereits die ersten Schoko-Osterhasen im Regal. In diesen verrückten Zeiten ist doch alles möglich!



