Vor mehr als 35 Jahren wurde Deutschland wiedervereint, doch die Mauer in den Köpfen ist noch immer da. Gerade jetzt. Wer derzeit im Osten des Landes als Künstler an das auch schöne Leben in der DDR erinnert, wird wegen „Verharmlosung des SED-Staates“ von Meinungsmachern aus dem Westen an den Pranger gestellt. Schlagersänger Frank Schöbel (83) sagt dazu deutlich seine Meinung. Im KURIER erklärt der Star, warum das Erinnern an die DDR im geeinten Deutschland so wichtig ist.
Frank Schöbel: Darf man in Liedern an die DDR erinnern?
Erinnern an ein Leben in einem Land, das es nun nicht mehr gibt. Was ist daran schlimm? Und daher hat Frank Schöbel einen Song auf seiner neuen Platte „Spiel des Lebens“, mit dem er im fröhlichen Country-Stil an das Leben in der DDR erinnert.
Kostprobe gefällig? „Florena machte alle schön, im Intershop gab‘s Seife. Der Oertel und sein Waldemar, im Fußball Croy und Kreische.“ Weiter geht es: „Brausepulver, FKK, 10 vor 7 war Sandmann Pflicht. Vita-Cola, Kessel-Buntes, samstags gab‘s noch Unterricht.“
Man erinnert sich daran. Oder auch an jenes: „Flaschen sammeln, Altpapier, Klingelstreich und Malzkaffee. Mini-Netz aus Dederon, mit Simson hin zum Badesee.“ Und noch eine Stelle zum Schluss: „Abends ‚Tausend Tele-Tips‘, ein Trabi für viel Geld. Kleiner Muck und Pittiplatsch: Ja, das war unsere Welt.“
Es sind Dinge und Erinnerungen, mit denen die Menschen in der DDR etwas anfangen können. Es sind die Erinnerungen, die trotz aller Widrigkeiten im SED-Staat am Ende im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen überlebten – und die man ihnen vom Westen Deutschlands aus gerne streitig machen und als schlecht brandmarken möchte.
Darum singt Frank Schöbel „Im Osten geht die Sonne auf“
„Im Osten geht die Sonne auf“, heißt das humorvolle und sehr schöne Lied, das die Menschen zum Erinnern einlädt. Im KURIER-Gespräch fragen wir Frank Schöbel: In dem Lied „Im Osten geht die Sonne auf“ lässt du Dinge aus der DDR Revue passieren. Welche Idee steckt dahinter, warum hast du dieses Lied gemacht?
Die Antwort des Sängers erstaunt. Sie wirkt schon so, als müsste er sein lockeres Lied vor Vorwürfen verteidigen. Offenbar befürchtet der Sänger es. Denn Frank Schöbel sagt: „Uns wird oft von westlicher Seite Nostalgie vorgeworfen. Sehnsüchtiges Verlangen nach einer vergangenen Zeit. Das ist mit diesem Song überhaupt nicht gemeint.“
Der Schlagersänger weiter: „Es geht nur um unsere Erinnerungen und Dinge, die uns in unserem Leben begleitet haben. Und das lassen wir uns von keinem nehmen. Ich habe noch nie gehört, dass wir dem Westen bestimmte Dinge ihres Lebens vorwerfen. Da sind wir einfach feiner.“
Frank Schöbel: Mit Respekt das Leben der Menschen in der DDR anerkennen
Mit anderen Worten: Es geht um Respekt, um Anerkennung der Biografien und der Lebensleistung der Menschen im Osten – so wie man auch die Lebensleistung und die Biografien der Menschen im Westen anerkennt.

Aber genau das passiert nicht. Das jüngste Beispiel dazu: die neue Revue „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ von Axel Ranisch und Adam Benzwi an der Komischen Oper Berlin. Passend zu der Wiedereröffnung der Mokka-Milch-Eisbar lief das Stück in diesen Tagen an und geriet in Kritik. Westliche Meinungsmacher werfen den Machern vor, sie würden die „Geschehnisse in der DDR verniedlichen“.
Frank Schöbel: „Lassen unsere Erinnerungen von keinem nehmen“
Für Schöbel sind solche Aussagen ein immer wiederkehrendes Lied und ein alter Vorwurf: Stücke und Künstler aus dem Osten würden die DDR verharmlosen, sobald sie von positiven Erinnerungen an den Alltag erzählen.
„Wir haben auch gelebt und lassen uns unsere positiven Erinnerungen von keinem nehmen. Damit das klar ist!“, sagte Schöbel dazu in der Berliner Zeitung.

Was der Westen dem Osten Deutschlands vorwirft, wenn es um das erinnern an die DDR geht? Man glaubt, Nostalgie könne den Blick trüben. Plötzlich wirkt Vergangenes besser, als es war. Alte Produkte, Musik oder Systeme erscheinen im warmen Licht der Erinnerung, Kritik verblasst.
So entsteht schnell das Gefühl: „Früher war alles einfacher“ – auch wenn die Realität oft anders aussah. In der Tat: 1990 bezeichneten 72 Prozent der Ostdeutschen in einer Allensbach-Umfrage ihre Lebensumstände in der DDR als unerträglich.
Für viele Ostdeutsche ist die DDR ein wichtiger Teil ihrer Lebensgeschichte: Arbeit, Ausbildung und soziale Beziehungen fanden im DDR-System statt. Gute Erfahrungen mit staatlicher Fürsorge (z. B. Vollbeschäftigung, Kinderbetreuung). Ea gab aber auch Einschränkungen (z. B. Reiseverbote, Überwachung).
Diese persönlichen Erinnerungen wirken identitätsstiftend, auch wenn das politische System kritisch gesehen wird. Diese Mischung führt zu einer differenzierten, oft widersprüchlichen Identität, die nicht einfach „pro DDR“ oder „contra DDR“ ist.
Dennoch muss man nicht die Biografien der Menschen im Osten schlecht reden. Frank Schöbel zurecht sein Leben auf die Bühne, dessen Karriere sich zum größten Teil in der DDR abspielte.
Seit 2020 läuft die „Frank-Schöbel-Story“ mit großem Erfolg am Boulevardtheater Dresden. In diesem Jahr kommt das Stück zum ersten Mal nach Berlin. Vom 18. bis 20. September 2026 ist es im Freizeitforum-Marzahn zu sehen.
Wie der Sänger auf die Idee kam, sein Leben auf die Bühne zu bringen? „Es machen doch viele, und ich war schon lange dran“, sagt Frank Schöbel dem KURIER. „Zumal die Geschichten bei mir deshalb interessanter sind, weil sie in zwei Gesellschaftsordnungen stattfinden.“
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