Genex-Kataloge

Mein erster Blick ins Genex-Parkhaus: Die geheime Auto-Welt der DDR

Wie DDR-Bürger über Genex an Trabant, Wartburg oder VW kamen – und welche D-Mark-Preise sie dafür zahlen mussten. Ein Blick in die verborgene Auto-Welt.

Author - Stefan Henseke
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Der Trabant 601 wurde auch für D-Mark verkauft. Das ist die seite aus dem Genex-Katalog.
Der Trabant 601 wurde auch für D-Mark verkauft. Das ist die seite aus dem Genex-Katalog.Stefan Henseke

Offiziell hatte die DDR Klassenunterschiede abgeschafft. Alle sollten gleich sein, alle hatten die gleichen Rechte und Pflichten. In den 80er Jahren aber wurde vielen immer klarer, dass es in der DDR doch große Unterschiede gab. Es gab die, die über „Westgeld“ (wie es damals hieß) verfügen konnten – und die, die nichts hatten. Immer mehr Intershops öffneten in der DDR. Und dann gab es noch die sagenumwobenen Genex-Kataloge, über die man sogar Autos kaufen konnte. Was Trabant & Co. damals in D-Mark kosteten.

Mein erster Blick ins Auto-Wunderland von Genex

Ich kam im Sommer 1985 zum ersten Mal mit dieser Parallelwelt in Kontakt. Nach einem Besuch im Intershop im Berliner Interhotel Metropol am S-Bahnhof Friedrichstraße entdeckte ich einen Fahrstuhl, der ins Parkhaus-Dachgeschoss führte. Ich fuhr nach oben, die Tür öffnete sich – und ich stand mitten im Auto-Wunderland. Da standen VW Golf und BMW 318, aber auch Trabant und Wartburg – alle mit D-Mark-Preisschildern.

Das Zauberwort, um Zugang zu diesen Autos zu bekommen, hieß Genex, eine Abkürzung für Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH. Eine Stasi-Firma von Schalck-Golodkowski, um im Auftrag der Partei- und Staatsführung Devisen zu scheffeln. Jeder kannte in der DDR dieses Wort – doch viele hatten keinen Zugang zu den Genex-Katalogen, in denen die begehrten Waren angeboten wurden. Man brauchte D-Mark, also Westverwandte, die einem das Gewünschte kaufen konnten.

So sah der Genex-Katalog „Geschenke in die DDR“ aus. Diese Ausgabe von 1985 wurde über die Schweizer Firma Palatinus angeboten – und ist jetzt ein Exponat im Berliner DDR Museum.
So sah der Genex-Katalog „Geschenke in die DDR“ aus. Diese Ausgabe von 1985 wurde über die Schweizer Firma Palatinus angeboten – und ist jetzt ein Exponat im Berliner DDR Museum.Stefan Henseke

In den 80er Jahren nahm die Zahl der West-Autos auf den DDR-Straßen zu. Klar, ein paar Modelle (VW Golf, Volvo) wurden auch gegen DDR-Mark an ausgesuchte Kader verkauft. Doch die Vielzahl der Wagen kam über Genex im Osten an. VW, Mazda, Volvo, Peugeot oder Fiat, aber auch DDR-Fabrikate wie Trabant, Simson, MZ, Wartburg und Barkas.

Beeindruckende Verkaufszahlen – und ihre Folgen

„Selbstverständlich waren auch Kraftfahrzeuge aus dem Ostblock wie Dacia, Škoda oder Lada erhältlich“, erklärt Jörg Kleinhardt vom DDR Museum, in dessen Archive es auch mehrere der alten Genex-Kataloge geschafft haben.

Die Zahlen der über Genex verkauften Autos sind immens. Insgesamt rollten 42.313 Fahrzeuge der Marke Wartburg, 39.269 Trabant, 11.486 Lada und 13.332 VW Golf, die exklusiv bei Genex bestellt und in D-Mark bezahlt worden waren, über die Straßen der DDR.

Was das hieß, ist auch klar: Jedes über Genex verkaufte Auto verlängerte für die übrigen Autokäufer, die nur in Mark der DDR zahlen konnten, die Wartezeit auf ihr heiß ersehntes Wägelchen. Denn die D-Mark-Kunden wurden vorrangig bedient.

Genex-Kunden bekamen ihre Autos in Rekordzeit

Der normale DDR-Bürger musste zehn Jahre und mehr auf seinen Trabant warten. Anders bei Genex: „In der Regel wurden die bestellten Fahrzeuge innerhalb von sechs Wochen ausgeliefert“, erklärt Jörn Kleinhardt vom DDR Museum.

Beim Blick in die Genex-Kataloge staunt man nicht nur über die angebotenen Autos aus dem Westen, sondern auch über seltene Sondermodelle von Ost-Autos, die es damals eigentlich so gut wie nie gab. Etwa einen Wartburg Trans (ab 8904 D-Mark). Ein Pick-up, im Katalog angepriesen als „wirtschaftlicher und vielseitig einsetzbarer Schnelltransporter“. Aufpreis für die Plane: 400 D-Mark.

Der Wartburg Pick-up ist ein Rarität. Auch den gab es damals für D-Mark über Genex.
Der Wartburg Pick-up ist ein Rarität. Auch den gab es damals für D-Mark über Genex.Gueffroy/imago

Erstaunlich auch die Preise. Genex hat die Käufer gut abgezockt. Der Wechselkurs lag bei 1:2 und schlechter. Die DDR hat bei jedem über Genex verkauften Wagen aus DDR-Produktion gut verdient. Der Trabant 601 Limousine („Der kleine Wagen mit den großen Vorzügen“) kostete zwischen 5223 und 6428 D-Mark, der Kombi zwischen 6058 und 7418 D-Mark.

Der Wartburg 353 wurde 1988 für 9354 bis 11.462 D-Mark angeboten. Für den Škoda 120 L wurden bis zu 13.077 D-Mark aufgerufen, für den Lada 2104 bis zu 15.117 und für den Lada Niva sogar bis zu 19.071 D-Mark.

Der Lada 2104 Kombi wurde über Genex für 14.747 bis 15.117 D-Mark verkauft. Die Preise änderten sich von Monat zu Monat.
Der Lada 2104 Kombi wurde über Genex für 14.747 bis 15.117 D-Mark verkauft. Die Preise änderten sich von Monat zu Monat.Stefan Henseke

Direkt vergleichen kann man die Preise zwischen Barkas und VW Transporter. Auto Ost gab es als Kleinbus für 17.617 D-Mark, Auto West für 29.205 D-Mark.

Beliebtestes Auto aus dem Westen: der VW Golf. Immerhin 13.332 Stück wurden bis zum Ende der DDR über Genex bestellt und ausgeliefert. Der Golf CL mit 1,3-Liter-Maschine, 55 PS und Stereo-Kassetten-Radio Gamma kostete bis zu 22.580 D-Mark.

Der VW Golf – der heimliche Star der DDR-Straßen

Angepriesen wurde das Auto unter dem Slogan „Erfahrene Technik und sportliche Eleganz“. Für den PS-stärkeren 1,6-Liter-Benziner (75 PS) verlangte Genex bis zu 24.226 D-Mark, für den 1,6-Liter-Diesel (54 PS) bis zu 24.938 D-Mark.

Schnäppchen war der Fiat Uno 60 Super für gut 15.000 D-Mark. Teuerstes Modell im Angebot, für das man dann vermögendere West-Verwandte brauchte, war der BMW 318 i (102 PS) für bis zu 30.705 D-Mark. Nachteil bei diesem Modell: „Die Ersatzteilversorgung erfolgt außerhalb der Garantiezeit in D-Mark, Reparaturkosten Mark der DDR“, heißt es im Katalog.

Der teuerste Pkw im Genex-Angebot: ein BMW 318 i für bis zu 30.705 D-Mark.
Der teuerste Pkw im Genex-Angebot: ein BMW 318 i für bis zu 30.705 D-Mark.Stefan Henseke

Gegen D-Mark wurde damals alles rund ums Auto verkauft – vom Autoreifen (74 D-Mark) bis zum Ölwechsel (ab 88 D-Mark). Sogar Kraftstoff (98 D-Mark für 100 Liter) und die Fahrschule (750 D-Mark für Klasse B) wurden in den Genex-Katalogen angeboten.

Am Mittwoch: Lada-Pkw im DDR Museum

Das DDR Museum in der Karl-Liebknecht-Straße 1 (Berlin-Mitte) hat täglich von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Zur Sammlung gehören mehr als 360.000 Exponate, täglich kommen neue dazu. Seit dem vergangenen Jahr werden auch im Museumsdepot (Pyramidenring 10) in Berlin-Marzahn öffentliche Besichtigungen und Führungen angeboten. Die Termine können online gebucht werden.

Am Mittwoch (17. Juni 2026) gibt es ab 18 Uhr eine Sonderveranstaltung zum Thema „Begehrte Sowjet-Italiener: Lada-Pkw in der DDR“ im Konferenzraum des DDR Museum (Sankt-Wolfgang-Straße 2, Mitte).

Wie blicken Sie auf die damalige Zeit zurück? Konnten Sie im Intershop oder per Genex einkaufen? Schreiben Sie uns per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com