Kommentar zum Stromausfall

Sie sind einfach erbärmlich!

Ein Stromausfall ist eine Krise. Was in dieser Nacht passierte, zeigt auf beschämende Weise, wie schnell Verantwortung, Anstand und Solidarität über Bord gehen.

Author - Stefan Tappert
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Carsten spricht während des Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft mit seiner Mutter Ingeborg (97), die dort auf einem Feldbett übernachtet hat.
Carsten spricht während des Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft mit seiner Mutter Ingeborg (97), die dort auf einem Feldbett übernachtet hat.Sebastian Gollnow

Ein Stromausfall ist kein Einladungsschreiben – und schon gar kein Freibrief. Wer in der vergangenen Nacht während des Blackouts in Berlin in eine Aldi-Filiale einbrach, um sich zu bedienen, zeigt nichts als Erbärmlichkeit. Das ist keine Notwehr, keine Rebellion, kein „Systemkritik“-Moment. Das ist schlichtes Ausnutzen einer Lage, in der andere frieren, bangen, nicht schlafen können.

Unwürdig gegenüber den Schwächsten

Aber diese Nacht zeigt noch etwas Zweites, mindestens genauso Bitteres: Es ist genauso unwürdig, alten Menschen, Kranken, Kindern – letztlich allen – den Strom zu kappen und das auch noch für eine „gute Tat“ zu halten. Wer Infrastruktur sabotiert, trifft nicht „das System“. Er trifft Dialysegeräte, Aufzüge, Heizungen, Kühlschränke, Pflegekräfte, Familien. Er trifft Menschen.

Ehrenamtliche verteilen Essen während des Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft im Bürgersaal im Rathaus Zehlendorf.
Ehrenamtliche verteilen Essen während des Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft im Bürgersaal im Rathaus Zehlendorf.Carsten Koall

Das ist zutiefst unmoralisch

Die Aktionen der sogenannten Vulkangruppe folgen dabei demselben fatalen Denkfehler wie der Einbruch. Zerstörung wird zur Moral verklärt. Doch Dinge kaputt zu machen war noch nie die Lösung. Es erzeugt kein Umdenken, sondern Leid. Es spart kein CO2, sondern kostet Geld, Zeit, Vertrauen – und am Ende noch mehr Ressourcen, um den Schaden zu reparieren.

Die Hauptstadt zahlt den doppelten Preis

Berlin zahlt den Preis gleich doppelt: für marode Infrastruktur und für ideologischen Aktionismus, der sich über reale Folgen hinwegsetzt. Beides schadet der Stadt massiv. Beides trifft die Falschen. Und beides zeigt eine erschreckende Geringschätzung für das, was eine Stadt am Laufen hält: Verlässlichkeit, Solidarität, Verantwortung.

Ob man sich nun an der Dunkelheit bereichert oder sie absichtlich herbeiführt – beides ist klein, kurzsichtig und zutiefst unsolidarisch.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com