Haben Sie einen Balkon? Haben sie schon einmal überlegt, wie schön es wäre, wenn Sie hier ein paar Hühner halten könnten? Genau das dachte sich der Bewohner einer Hochhaus-Wohnung in Lichtenberg – nun musste das Veterinäramt fünf komplett verkommene Hennen von seinem Balkon befreien. Ein Verhalten, das vor allem Tierschützer auf die Palme bringt.
Glücklich gackernd streifen die fünf Hühner nun über das kleine Bauernhof-Gelände des Berliner Tierheims. Hier haben Sie viel Platz, genug Futter, frische Luft – und die putzigen Vögel haben sogar schon Namen bekommen: Helena, Hanna, Erna, Annabell und Kleine. Zum Glück wurden sie gerettet – denn die Umstände, unter denen sie leben mussten, waren alles andere als schön.

Vor etwa einer Woche meldete ein Bewohner eines Lichtenberger Hochhauses, dass einer seiner Nachbarn auf dem Balkon Hühner hält. „Das Veterinäramt wurde tätig und fand auf einem Balkon im achten Stock des Hauses zwei Pappkartons mit insgesamt fünf Hühnern“, sagte Tierheim-Sprecherin Beate Kaminski dem KURIER. Offensichtlich seien sie zum Essen gehalten worden. Die Situation der Tiere: Katastrophal. „Weil sie in den Pappkartons leben mussten, waren die Hühner großem Stress ausgesetzt. Deshalb haben sie sich gegenseitig verletzt.“ Mehreren der Tiere fehlen deshalb Federn, eines muss einen Verband am Fuß tragen, weil sich ein Abszess gebildet hat. Das komme daher, dass die Vögel in ihrem eigenen Dreck stehen mussten, erklärt Kaminski. „Man kann den Begriff artgerechte Haltung hier nicht im geringsten in den Mund nehmen.“

Hühnerhaltung in der Stadt ist den Tierschützern schon länger ein Dorn im Auge – denn sie scheint sich leider zu einem Trend zu entwickeln. Bei verschiedenen Firmen können die Tiere sogar für einen bestimmten Zeitraum ausgeliehen werden. Gegen die Haltung sei auch prinzipiell nichts einzuwenden, wenn die artgerechte Haltung gewährleistet werden kann. „Aber im achten Stock auf dem Balkon in Pappkartons – das geht gar nicht.“ Auch deshalb wurden die Lichtenberger Hühner beschlagnahmt. Sie leben jetzt auf dem Bauernhof-Gelände des Tierheims, werden mit etwas Glück bald in die Vermittlung gehen können – und vielleicht ein schönes Zuhause auf dem Land finden.
Bisher scheint es sich bei den Balkon-Hühnern von Lichtenberg um einen traurigen Einzelfall zu handeln – eine KURIER-Umfrage unter den Bezirken zeigt aber: Das Interesse an der Haltung von Nutztieren wird vielerorts größer. Aus dem Bezirksamt Treptow-Köpenick heißt es etwa: „In den letzten Jahren gibt es eine enorme Nachfrage an Nutztierhaltung im Bezirk. Besonders die Haltung von Geflügel, allen voran Hühnern und Bienen, ist gestiegen.“ Ein Trend sei also in jedem Fall deutlich zu verzeichnen. „Erfreulicherweise sind die neuen Nutztierhalter/ -innen meist um eine artgerechte Tierhaltung bemüht“, teilt die Behörde mit. In Neukölln hat man das gleiche Phänomen beobachtet. „Im Trend liegt allerdings tatsächlich, neben Bienenvölkern, die Haltung von Hühnern. Bis zu 10 Hühner gelten in Berliner Wohngebieten als ortsüblich und sind zulässig. Beschwerden gibt es dazu kaum“, teilt ein Sprecher des Amtes mit. „Allenfalls kräht mal ein Hahn zu laut – da kann dann unser Veterinäramt beraten, damit das Immissionschutzgesetz eingehalten werden kann.“
