Über Selbsttötungen berichtet die Presse in aller Regel nicht. Doch der Fall von Ella, die sich am 14. September am Berliner Alexanderplatz angezündet hatte, ist weiterhin in aller Munde. So gut wie niemand, der sich über den Tod der 40-Jährigen geäußert hat, auf Twitter, Youtube, Facebook und anderen Kanälen, kannte sie. Schon kurz nach ihrem Tod kursierten Bilder vom Tatort, die von vielen Medien aufgegriffen wurden – unter anderem vom russischen Propagandasender RT.
Die Rede war zunächst von einem Mann, doch die Polizei stellte bald klar, dass es sich bei Ella um eine Frau handelt. Die anfängliche Konfusion drehte sich darum, dass die gebürtige Iranerin transident ist. Wie sie als transidente Frau im Iran behandelt wurde, war für Ella der Beweggrund, vor einigen Jahren über die Türkei nach Deutschland zu fliehen. Darüber sprach sie vor zwei Jahren offen und reflektiert in einem Beitrag des Offenen Kanals Magdeburg. In dieser Stadt war sie in einer Unterkunft untergebracht. Diese hochbegabte Frau, die fünf Sprachen sprach, drückt sich darin klar und verständlich auf deutsch aus, gibt sich zugeneigt und lebensfroh.
„Wenn ich sehe, dass andere Leute mir helfen, möchte ich auch anderen Leuten helfen“, sagt Ella
Kaum jemand außerhalb von Magdeburg hatte die Doku bis vor einigen Tagen gesehen. Bevor das Video wiederentdeckt wurde, kursierten in den sozialen Netzwerken vielerlei Spekulationen, die den Selbsttod Ellas erklären sollten: Sie sei in der Unterkunft in Magdeburg gemobbt, im Alltag falsch angeredet worden. Nichts, was in der Doku zu sehen ist, passt zu diesen Mutmaßungen: Ella zeigt sich hilfsbereit und humorvoll, übernimmt Verantwortung und kümmert sich um andere Menschen, die Hilfe benötigen. „Wenn ich sehe, dass andere Leute mir helfen, möchte ich auch anderen Leuten helfen“, sagt Ella an einer Stelle der Doku. 20 Freunde, mit denen sie sich regelmäßig treffe, habe sie. „Das Leben ist leichter hier als in meiner Heimat“, sagt sie weiter über ihr Leben in Deutschland.

Als Ella nach Berlin zieht, deutet äußerlich nichts darauf hin, dass sich ihre Haltung oder ihre psychische Verfassung geändert haben könnte. Einen Job bei Tesla hatte sie bereits in Aussicht. Auch in der Hauptstadt findet sie Anschluss, ihre Freundin Dagmar Harmsen beschreibt sie als lebensfroh und hochintelligent. Die beiden unterhielten sich wortwörtlich über Gott und die Welt, teilten ihr Interesse für Spiritualität. Die apokalyptischen Bilder bei der Flucht vieler Menschen aus Afghanistan seien ihr sehr nahe gegangen.
Was lösen apokalyptische Bilder in Menschen aus, die selbst aus Verzweiflung geflohen sind?
Wir erinnern uns: Verzweifelte Menschen klammerten sich am Flughafen von Kabul an Tragflächen und den Rumpf von startenden Flugzeugen, stürzten wenig später vom Himmel zur Erde: Diese Albtraum-Bilder werden viele Menschen nie wieder vergessen. Was lösen sie in Menschen aus, die selbst aus Verzweiflung aus ihrem Land geflüchtet sind? Afghanistan und Iran teilen eine gemeinsame Sprache, sind kulturell eng miteinander verwandt. Dagmar berichtet mir, dass die Ereignisse Ella aufgewühlt hatten, und dass Ella, trotz ihrer positiven Lebenshaltung, mit psychologischen Problemen zu kämpfen hatte. Welche traumatischen Erfahrungen genau ihre posttraumatische Belastungsstörung hervorgerufen haben, ist nicht bekannt. Was Ella sich antun würde, das ahnte niemand aus ihrem engsten Umfeld.
Doch die schlimmsten Demütigungen hat Ella selbst nicht mehr erlebt, sie sind ihr erst nach ihrem Tod widerfahren. Als Ella mit schwersten Brandverletzungen in das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) eingeliefert wurde, wurden Fotos von der Sterbenden geschossen. Laut Insidern können sie nur von einer in der Klinik beschäftigten Person aufgenommen und in Chats verbreitet worden sein.
2/2 Wir setzen alles daran, den Vorgang auch strafrechtlich lückenlos aufzuklären und weisen vorsorglich darauf hin, dass auch die Weiterverbreitung der Aufnahmen strafbar ist. Der Schutz unserer Patienten ist unser höchstes Gut, wir verurteilen diesen Vorfall auf das Schärfste.
— ukb (@ukbberlin) September 21, 2021

