Die Berliner Kältehilfe bietet in diesem Winter wieder rund 1000 Notübernachtungsplätze für obdachlose Menschen an. Knapp 700 Plätze sind dabei reine Kältehilfeplätze, die nur temporär angeboten werden. Insgesamt könnten in der kalten Jahreszeit bis Ende März 2024 bis zu 1000 auf der Straße lebende Menschen jede Nacht mit einem Schlafplatz und einer warmen Mahlzeit versorgt werden, teilte die Liga der Wohlfahrtsverbände am Freitag mit. An den Start geht die Kältehilfe im Oktober mit zunächst 685 Plätzen.
400 Plätze für Kältehilfe fehlen
Nach Angaben der Berliner Diakonie-Direktorin Ursula Schoen fehlen in dieser Saison mindestens 400 Plätze. Hauptgrund sei der angespannte Berliner Immobilienmarkt. Es sei kaum noch möglich, brauchbare Gebäude für die Einrichtung von Notübernachtungen zu bekommen. Die wenigen leer stehenden Gebäude, die der Kältehilfe-Koordinierungsstelle 2023 angeboten wurden, stünden überwiegend kurz vor dem Abriss und seien teilweise in absolut unbrauchbarem Zustand.
„Wir erleben in nahezu allen Bereichen von Jugend- bis Eingliederungshilfe, dass der soziale Immobilienmarkt an die Grenzen stößt“, sagte Schoen. Damit funktioniere auch die klassische Vorstellung von Winternothilfe praktisch nicht mehr.

Ein weiteres Problem ist nach Angaben von Sabrina Niemietz von der Kältehilfe-Koordinierungsstelle, dass ausschließlich Objekte in den äußersten Stadtteilen weit außerhalb des S-Bahn-Rings angeboten würden. Für viele obdachlose Menschen seien weite Anfahrten aber schlicht nicht möglich, erklärte Niemitz. Sie seien – abgesehen vom Fahrgeld – körperlich und oft auch psychisch nicht in der Lage für eine lange Anfahrt und anschließende kilometerlange Fußmärsche in ein Gewerbegebiet.
Laut der Sprecherin der Berliner Stadtmission, Barbara Breuer, sind die Einrichtungen zunehmend mit Problemen konfrontiert, „die sie nicht mehr stemmen können“. So habe sich das Profil der Gäste in den Notübernachtungen stark geändert. Der „klassische, alkoholabhängige, alte Obdachlose“ sterbe aus. „Dafür haben wir vermehrt junge, psychisch kranke Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die mehrfach suchtabhängig sind und abends bei uns zugekokst vor der Tür stehen“, sagte Breuer. Auch sei die Stimmung aggressiver, weshalb ein Wachschutz notwendig sei. Zudem gebe es mehr und mehr mobilitätseingeschränkte Gäste, die im Rollstuhl sitzen und für die es kaum barrierefreie Räume gebe.
Finanziert wird die Kältehilfe, genauso wie die medizinische Versorgung von Obdachlosen, in hohem Maße durch Spenden. Zudem stellt der Berliner Senat drei Millionen Euro zur Verfügung. In der vergangenen Kältehilfesaison standen täglich 1043 Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Die Auslastung war nach Angaben der sozialen Träger so hoch wie seit 2016 nicht mehr.
Was ist die Berliner Kältehilfe?
Die Berliner Kältehilfe ist eine bundesweit einmalige Initiative. Sie wurde 1989 von Berliner Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und der zuständigen Senatssozialverwaltung ins Leben gerufen. Ziel ist es, Obdachlosen in der kalten Jahreszeit zwischen Anfang November und Ende März Unterschlupf und damit Schutz vor lebensbedrohlichen Temperaturen zu bieten.
Die Initiative stellt unter anderem Notübernachtungen, Nachtcafés und Suppenküchen sowie Beratungsstellen für Bedürftige zur Verfügung. Hauptträger sind neben den Kirchengemeinden die Berliner Stadtmission, die Gebewo Soziale Dienste Berlin gGmbH und das Deutsche Rote Kreuz. Hinzu kommen zahlreiche Verbände, Vereine und Initiativen. Zudem engagieren sich etliche ehrenamtliche Helfer für die Kältehilfe.


