Allein dafür muss man Paulus Manker (63, „Weiningers Nacht“) die Füße küssen. Der vor Tatendrang und nagenden Großartigkeitsflausen strotzende Wiener Kolossal-Schauspieler, Großraum-Denker und Groß-Regisseur traut sich nach all dem Schändlichen, was die Berliner ihm angetan haben, zurück an die Spree. Und das nicht mal kleinlaut und reumütig.
Manker, der im Jahr 2006 vom gesammelten Berliner Kritik- und Kulturbetrieb – wo selten genug Einigkeit herrscht –mit seiner Großraum-Produktion „Alma – A Show Biz ans Ende“ (Autor: Joshua Sobol) erst aus dem Kronprinzenpalais Unter den Linden und dann aus der Stadt gejagt wurde, kehrt mit einem noch riesigeren Vorhaben nach Berlin zurück.
Dieses Mal hat der Unverbesserliche sich „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus vorgenommen. Eine fast unaufführbare Monumental-Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog. Konkret geht es um 220 Szenen, die sich, lärmend und chaotisch wie eine offene Schützengrabenschlacht, mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs auseinandersetzen. 1114 Rollen müssen besetzt werden, falls das überhaupt geht.

Angeblich ist das Werk, das zu einem Großteil aus montierten Zitaten besteht, aus Gerichtsurteilen, Briefen, Tagesbefehlen, Verordnungen und ungeordneten Pressenotizen, noch nie in Gänze zu sehen gewesen. Peter Eschberg lieferte Mitte der 1980er-Jahre eine vielbeachtete Inszenierung in Bonn ab, aber damals war der Weltkrieg so weit weg wie heute der Weltfrieden.
Vom kaisertreuen Militär- und Habsburgerfreund zum Sozialdemokraten
Karl Kraus selbst macht es Liebhabern seines Stücks nicht leicht. Vom kaisertreuen Militär- und Habsburgerfreund entwickelte sich der äußerst umtriebige und giftige Allround-Schreiber nur allmählich und bockig zum Sozialdemokraten. Vermutlich ist seine Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog auch darum in allen möglichen politischen Lagern gern gesehen.

Wie genau Manker auf Berliner Bühnenboden politisch verfährt, darf mit Spannung erwartet werden. Eins ist sicher: Der Wiener wird, so wie 2006 bei „Alma“, sein erprobtes Simultanbühnen-Konzept auch auf „Die letzten Tage der Menschheit“ anwenden. Vor 15 Jahren im Kronprinzenpalais Unter den Linden jagten Zuschauer über alle Etagen von einer Spielszene zur nächsten. Alles passierte wie beiläufig und gleichzeitig. Wer Glück hatte, stand urplötzlich allein, zu romantisch-verspielter Klaviermusik vom Band, in einem fast leeren Saal – mit ausgeschütteten Notenblättern und flackernden Kandelabern auf dem Fußboden, während draußen ein Gewitter grollte, das dunkel auf Berlin zurollte.

Bei „Alma“ ging es um die Künstlermuse Alma Mahler-Werfel (1879–1964), das ehemals „schönste Mädchen Wiens“. Manker hatte sich in den Neunzigerjahren wohl nicht nur in den Mythos dieser Frau verliebt, sondern auch in einen ihrer verstörendsten, für ihn ganz sicher betörendsten Sätze: „Nichts schmeckt so gut wie das Sperma eines Genies!“, soll Alma einst gesagt und geschrieben haben, und Manker – der ging damit hausieren wie andere mit der neuesten Verhütungsmedizin.


