Insekten-Paradies Berlin

Das große Krabbeln! SO viele Insektenarten gibt es auf Mittelstreifen

Ein Insektenforscher hat Berlins grüne Mittelstreifen untersucht – und dort erstaunlich viele Arten entdeckt! Die Inseln sind richtig belebt …

Author - Sharone Treskow
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Berlins grüne Mittelstreifen beherbergen etliche Insektenarten.
Berlins grüne Mittelstreifen beherbergen etliche Insektenarten.Dirk Sattler/Imago

Berlin ist voll von tierischen Lebensräumen: Wildschweine tummeln sich in den Wäldern am Stadtrand, Fische schwimmen im Wannsee und dann gibt es natürlich noch die unzähligen Tauben am Alexanderplatz. Sogar die Mittelstreifen in der Hauptstadt sind ein Zuhause für viele Tierchen: Sie sind regelrechte Insekten-Hochburgen, wie man jetzt herausgefunden hat!

400 Insektenarten leben auf Berlins Mittelstreifen

Die Mittelstreifen der Berliner Straßen weisen eine beeindruckende Vielfalt von Insekten auf! Das zeigt das Projekt „Stadtgrün“ von Naturkundemuseum und Humboldt-Universität, in dessen Rahmen Insektenforscher Frank Koch seit 2017 diese ungewöhnlichen urbanen Ökosysteme unter die Lupe nimmt.

In einer Pressemitteilung heißt es: Ursprünglich als Projekt zur Untersuchung urban-stressresistenter Pflanzen gestartet, strecken Koch und sein Team an den drei Standorten Frankfurter Allee (in Friedrichshain-Kreuzberg), Adlergestell (in Treptow-Köpenick) und Heerstraße (in Charlottenburg-Wilmersdorf) im Zweiwochen-Takt ihre Fühler nach den Gliederfüßern aus. Ihr Ergebnis: Rund 400 verschiedene Insektenarten aus sechs verschiedenen Ordnungen konnte Koch nachweisen!

166 Hautflüglerarten konnte der Insektenforscher auf Berlins Mittelstreifen feststellen. Dazu gehören auch Bienen.
166 Hautflüglerarten konnte der Insektenforscher auf Berlins Mittelstreifen feststellen. Dazu gehören auch Bienen.Imago/Future Image

166 Hautflüglerarten flattern in Berlin herum

Zu Beginn seiner Untersuchungen war der Insektenforscher selbst nicht davon überzeugt, viele Tiere auf den begrünten Mittelstreifen zu finden. „Ich bin von ein paar Ameisenarten und wenn es gut kommt, noch einer Honigbiene, einer Hummel oder einer lustlosen Fliege ausgegangen“, witzelt Koch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Er habe mit höchstens zehn Arten gerechnet.

Heute, sechs Jahre später, hat der Entomologe an drei verschiedenen Standorten in Berlin mehr als 400 Arten entdeckt. „Ich habe nicht gedacht, dass das so ausartet“, betont der Krabbeltier-Experte. Die Bilanz ist wirklich beachtlich: 70 Wanzenarten, 114 Käferarten, 166 Hautflüglerarten, 22 Schmetterlingsarten, 32 Fliegenarten und zwei Libellenarten konnte Koch bislang feststellen!

Sogar gefährdete Arten gefunden!

Koch fand bei seinem Projekt sogar Insekten, die auf der roten Liste gefährdeter Arten stehen! Sogar die in Berlin und Brandenburg verschollen geglaubte Sphex funerarius, die Heuschreckensandwespe, ging den Forschern 2019 ins Netz. 2021 konnte außerdem die Bienenart Hylaeus intermedius, eine Maskenbiene, in der Heerstraße erstmals für Deutschland dokumentiert werden. 

Dieses Jahr habe er insgesamt rund 1600 Tiere gefangen, die noch untersucht werden müssten.

Die <em>Sphex funerarius</em> alias Heuschreckensandwespe wurde ebenfalls auf Berlins Mittelstreifen gefunden.
Die Sphex funerarius alias Heuschreckensandwespe wurde ebenfalls auf Berlins Mittelstreifen gefunden.© Bernhard Schurian

Wieso sind die Insekten auf den Mittelstreifen glücklich?

„Die Insekten finden dort einen geschützten Raum vor“, erklärt Koch. Durch den parallel verlaufenden Straßenverkehr seien die Mittelstreifen-Habitate quasi von ihrem Umfeld isoliert und würden daher von Fußgängern und Haustieren eher gemieden. Optimale Bedingungen für die kleinen Wesen.

Doch wie kann diese Insektenvielfalt bewahrt oder sogar noch ausgeweitet werden? „Nicht mähen ist das A und O“, sagt Koch, zumindest im Frühling und Sommer. Nur wenn der Rasenmäher in den Jahreszeiten wegbleibe, könne sich die Pflanzenvegetation gut entwickeln und es könnten reichlich Blüten wachsen. „Und die Blüten ziehen natürlich Insekten an.“ Andernfalls wird die Populationsentwicklung einzelner Arten laut Koch völlig unterbrochen und der Bestand „komplett ausgelöscht“.

Im Kampf um den Schutz dieser einzigartigen urbanen Lebensräume haben Koch und sein Team einen Etappensieg errungen: Nach eindringlichen Gesprächen verpflichteten sich die Grünflächenämter der Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick, in Zukunft nur noch einmal im Jahr zu mähen. Der Entomologe hofft, dass andere Bezirke nachziehen und auf weiteren Flächen Blütenpflanzen anbauen. Das sei nicht nur gut für Insekten, sondern auch für Menschen hübsch anzusehen.