Mitte - Es ist eine Bild mit großer Symbolkraft: Im leeren Zuschauerraum des Friedrichstadt-Palasts in Mitte hängt seit ein paar Tagen eine einzelne, verlassene Lampe, die etwas Licht in die Dunkelheit bringt. Das Licht hat eine lange Theatertradition. Es soll die bösen Geister vertreiben und dafür sorgen, dass die guten irgendwann auf die Bühne zurückkehren können.
Es passt zu den Dingen, die Berndt Schmidt, der Intendant des Palastes, derzeit empfindet. „Ich bin überzeugt davon, dass es weitergehen wird“, sagt er dem KURIER. „Und dass wir aus der jetzigen Situation auch einiges lernen werden. Es wäre mein Wunsch, dass noch mehr Leute erkennen, dass Kultur keine Selbstverständlichkeit ist. Dass sie wunderschön ist – und dass wir sie brauchen.“
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Die Nachricht der Schließung überraschte auch den Palast-Direktor
Der Palast gehörte zu jenen Theatern, die direkt zu Beginn der Corona-Welle schließen mussten, die Anweisung kam am 9. März von Kultursenator Klaus Lederer. Eine Nachricht, die auch den Palast-Direktor überrumpelte. „Wir hatten das Thema Corona frühzeitig auf dem Schirm, aber die Schnelligkeit und Länge der Schließung hat mich doch überrascht“, sagt Schmidt. „Zu dem Zeitpunkt gab es erst knapp 60 Infektionen in Berlin. Aber es war eine sehr gute und richtige Entscheidung.“
Für den Palast, die größte Show-Bühne der Stadt, bedeutet die zeitweise Schließung vor allem einen enormen logistischen Aufwand. Das Team hinter den Kulissen stand vor der Aufgabe, rund 40.000 bereits gebuchte Tickets abzuwickeln. „Auf so eine Situation bereitet man sich nicht vor“, sagt Schmidt. „Am ersten Tag nach der Schließung gingen bereits 10.000 Anrufe ein. Bis zu 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmerten sich um die Anfragen.“ Bisher seien 35.000 der Eintrittskarten bearbeitet. Derweil kümmern sich die Tänzer darum, dass sie trotz Krise fit bleiben – im Homeoffice. „Jeder für sich trainiert zu Hause weiter“, sagt Schmidt. Im Palast selbst sei die Personallage ausgedünnt. Die Zeit werde unter anderem genutzt, um Kostüme aufzufrischen und an der Technik zu arbeiten.

Die andere Seite der Medaille ist die neue Palast-Revue – nach einer Spielzeit von zwei Jahren sollte die aktuelle Show „Vivid“ im Sommer von den Brettern verschwinden und Platz für ein neues Projekt machen. „In der derzeitigen Situation ist kein Probenbetrieb möglich, Choreografen können nicht ein- und ausreisen und viele Material-Lieferketten sind unterbrochen.“ Neuproduktionen dieser Größenordnung seien schon unter normalen Umständen störanfällig – und unter den jetzigen kaum zu stemmen. Gut für die Fans: „Vivid“ wurde ein Jahr verlängert.
Wir haben eine Projektgruppe, die sich damit auseinandersetzt, wie wir Theater auch mit sozialer Distanz möglich machen können. Eine Idee ist, dass zwischen den Gästen jeweils zwei Sitze frei bleiben. Es ist besser, nur die Hälfte der Tickets zu verkaufen als gar keine zu verkaufen.
Wie schwer die Corona-Krise das Kulturleben der Hauptstadt treffen wird, kann auch Schmidt nicht einschätzen. Dass direkt nach dem Ende der aktuellen Maßnahmen das Leben weitergeht, glaubt er nicht. „Die Orte, die zuletzt schließen mussten, werden auch als erste wieder öffnen. Und die, die zuerst geschlossen wurden – große Messen, Stadien, Theater und Veranstaltungsorte – werden vermutlich mit zu den letzten gehören, die wieder den Betrieb aufnehmen dürfen“, sagt er. Zudem müsse, vermutlich für den Rest des Jahres, ein Umdenken stattfinden. Im Palast erarbeite man Konzepte für die Zeit danach. „Wir haben eine Projektgruppe, die sich damit auseinandersetzt, wie wir Theater auch mit sozialer Distanz möglich machen können. Eine Idee ist, dass zwischen den Gästen jeweils zwei Sitze frei bleiben.“ Das werde zu Umsatzeinbußen führen. „Aber es ist besser, nur die Hälfte der Tickets zu verkaufen als gar keine zu verkaufen.“
